Der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona markiert den vorläufigen Höhepunkt eines rasanten Trends zu Open Source – und zwar über Handys hinaus.
Microsoft bemühte sich in Barcelona, das unrühmliche Windows Mobile vergessen zu lassen. Jetzt soll Windows Phone 7 die erhoffte Topposition unter den Plattformen für mobile Geräte bringen. Gut sind die Aussichten allerdings nicht. Apple hat ganz im Stil seiner iPhone-Nutzung die Konkurrenz im Handymarkt rechts und links zur Seite geschoben. Der nächste erfolgreiche Newcomer ist schon unterwegs: Google’s Android hat einen beachtlichen Start hingelegt.
Der Markt ist in Aufruhr. Navigationssysteme sind in kürzester Zeit ein „Must have“ auf Handys geworden. Nokia hat zur Verteidigung der bröckelnden Topposition von Symbian schon Mitte Januar sein bisher kostenpflichtiges Geosystem Ovi Maps kostenlos zur Verfügung gestellt. Damit war es nicht genug: Auf Ende Januar zog der Konzern die eigentlich für Sommer geplante Freigabe von Symbian als Open Source vor. Auf der Basis der überlegenen Nokia-Navteq-Karten und mit einer Open-Source-Plattform können andere Unternehmen sehr einfach Programme und Services für Symbian entwickeln. Einfacher und ungehinderter als bei Apple.
Nokia lässt mit unerwarteter Geschwindigkeit und Konsequenz seine einstige proprietäre Vergangenheit hinter sich. In Barcelona spielten die Finnen zusammen mit Intel Microsoft an die Wand: Nokias quelloffene mobile Plattform Maemo wächst mit Intels Open-Source-Umgebung Moblin zusammen, beide werden zum Linux-basierenden MeeGo. Die neue Umgebung wird in jeder Hinsicht offen, dafür steht ihre neue Koordinierungsstelle Linux Foundation. Gerätehersteller und Netz-Provider können ihre eigenen App-Stores dafür aufbauen. Applikationsprogrammierer können mit dem offenen Entwicklungs-Framework Qt schnell ihre Anwendungen erstellen.
Geschenke und Freiheiten, am Markt nach eigenem Gusto zu agieren, kommen immer gut an. In der Folge dürfte sich der Handymarkt demnächst völlig neu darbieten. Den proprietären Systemen von Apple und Microsoft werden als weitere Schwergewichte gleich drei Open-Source-Plattformen gegenüber stehen: Symbian, Android und MeeGo. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht?
Die MeeGo-Apps werden dank Qt sehr leicht auf andere Umgebungen zu portieren sein. Genau das ist gewollt. Denn MeeGo ist plattformunabhängig angelegt. Es soll nicht nur auf allen möglichen Handys und und den anspruchsvolleren Smartphones laufen, sondern auch auf anderen portablen Multimedia-Geräten, auf Internet-fähigen Fernsehern, Infotainment-Systemen in Autos, Tablets, Netbooks und überhaupt mobilen Computern.
Wenn das auch nur halbwegs gelingt, werden im IT-Markt von Handys bis zu Desktops die Karten neu gemischt. Die Zeit der stationären PCs läuft aus, und Microsoft sieht sich gleich einer mächtigen Gruppe von Konkurrenten gegenüber, die für die mobile Zukunft auf Linux und Open Source setzen. Das frustrierenste daran dürfte für Microsoft sein, dass der bisherige Hauptverbündete Intel dabei ist, ins Open-Source-Lager überzulaufen.