Den Oracle-Chef Larry Ellison muss man erlebt haben. Einmal im Leben, meistens reicht’s dann aber auch schon. So exzentrisch wäre wohl jeder gerne. Aber wer hat schon die Kohle, sich das leisten zu können, ohne demnächst auf Hartz IV zu sein?
Jetzt ist er mir, so ausgeflippt wie ich ihn von einer Jahre zurück liegenden Veranstaltung kenne, wieder begegnet. Ich war nicht dabei und entdecke den Bericht leider zu spät. John Rymer, Analyst bei Forrester Research, hat schon am 28. Januar 2010 einen wunderbaren Blog-Eintrag hingelegt mit dem Titel: „Peace, love, and the IBM System 360s“. Er zitiert Ellison aus einer Veranstaltung anläßlich der Eingemeindung von Sun: “Our vision for 2010 is the same as IBM’s for the year 1960.”
Typisch Larry! Die Konkurrenz kennt das schon: Der alte Provo, spielt immer noch den Herausforderer! Meine Meinung: Ellison wird zum Problem für Oracle. Wie hat es denn ausgeschaut in den 60ern? IT hieß IBM, die ganze 360-Schiene aufwärts, Konkurrenz faktisch ausgeschlossen. Das Ergebnis war ein Anti-Monopol-Verfahren in den USA, das „Big Blue“ mit Mühe überlebte.
Innovation fand nach IBM-Gusto statt – und bei den Unternehmen nur, wenn die IT-Chefs der Mainframes in den Rechenzentren dazu „motiviert“ wurden. Es brauchte mehr als die 60er Jahre, bis der Innovationsstau sich löste. Mit Apple und anderen ersten PCs, Intel, Microsoft, Motorola, Unix. IBM war von all dem, was in den 80ern passierte, nichts begriffen, hat stoisch weiter gemacht wie gehabt, bis die Firma in den frühen 90ern vor dem Kollaps stand. Notbremse, Radikalkur.
Wenn Ellison das nicht mehr weiß, dann Gute Nacht, Oracle! Dir steht Agonie bevor. Diesmal werden es wohl nicht 20 Jahre werden. Die Kissen der Marktmacht liegen sich inzwischen schneller durch. Die Heerscharen von Entwicklern bei Oracle verbessern die Produkte der Firma weiter. Aber wann hat irgendwer in den letzten Jahren Oracle als „innovativ“ empfunden? Der Lack ist ab.
Deswegen mache ich mir Sorgen um sämtliche Open-Source-Lösungen, die Oracle jetzt mit Sun gekauft hat. Vielleicht suchte Ellison dadurch ja innovative Elemente in seinen eingefahrenen Laden zu bringen. Aber unter den Vorzeichen der 60er Jahre werden die bald abwandern. Wie Ken Jacobs, den ich schon gut ein Jahrzehnt kenne. Der war, seit dem Oracle-Kauf von InnoDB, der Engine von MySQL, ein ruhiger und verlässlicher Partner der Open-Source-Seite. Nach 28 Jahren hat er bei Oracle hingeschmissen. Freie Fahrt für Larry’s spritfressene 60er-Straßenkreuzer und jedes Jahr neue Heckflossen.