IT-Service-Management mit Open Source?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 29.04.2010 | Kommentare: 0

29.4.2010 – BMC, CA, HP und IBM gelten als die „Big Four“, die vier Marktführer – früher in Sachen Administrations-Tools, seit einigen Jahren eher in puncto IT-Service-Management (ITSM). Klassische Admin-Programme helfen, dedizierte IT-Systeme zu überwachen und zu steuern. ITSM-Systeme hingegen regeln nicht Funktionen, sondern Prozesse, wodurch sich im Idealfall nicht nur Fehler vermeiden und schneller korrigieren lassen. Darüber hinaus macht Service-Management es möglich, die IT nach den Prinzipen des Standardwerks IT Infrastructure Library (ITIL) flexibler nach den sich ändernden Anforderungen des Business auszurichten.

Die Big Four können inzwischen ausgereifte Produkte vorweisen. Zwei Haken sind damit jedoch verbunden: Erstens sind sie sehr teuer, zweitens funktionieren sie am besten „aus einer Hand“, führen also zu einer starken Herstellerbindung. Ein Großteil der Module beruht auf alten Admin-Tools dieser Anbieter, die sich an diesem Markt schwer tun. Denn hier haben sich Open-Source-Alternativen stark verbreitet. Bekannt ist insbesondere „Nagios“, aber auch Tools wie der Netzwerk-Sniffer „Wireshark“, der Konfigurations-Controller „OCS“, der Event-Manager „OpenNMS“ oder die Trouble-Ticketing-Lösungen „OTRS“ und „Request Tracker“ sind stark verbreitet.

Dass sich aus solchen und weiteren Open-Source-Tools eine quelloffene ITSM-Lösung entwickeln könnte, haben die Big Four immer rigoros bestritten. Diese Werkzeuge seien zwar immer besser geworden, aber sie seien auf die Erfüllung fest umrissener Funktionen beschränkt, nicht auf die Unterstützung von Prozessen angelegt. Die aber erfordere ein geregeltes Zusammenwirken von Modulen, was bei den auf die Lösung von Einzelproblemen fixierten Open-Source-Projekten nicht zu erreichen sei. Dieses Marketing-Argument entgleitet den Big Four zunehmend.

OTRS steht für „Open Ticket Request System“, ist zum Zweck der Verfolgung von Bug-Meldungen einst bei Suse entstanden und gab der Bad Homburger Firma ihren Namen. Mit der ursprünglichen Funktion hat das heutige Open-Source-Produkt nur noch am Rande zu tun. Vor drei Jahren erschien „OTRS::ITSM“, was vor allem dadurch für Aufmerksamkeit sorgte, dass es eine Configuration Management Database (CMDB) enthielt. Die ist das Kernstück von IT-Service-Management. Hinzu kamen Incident-, Problem-, Asset-, Request-Fulfillment-, Knowledge- und Service-Level-Management.

Auf der Basis dieses Produkts hat die Chemnitzer CAPE das Open-Source-Modul OTRS::CiCS entwickelt. Das steht für „Customer Information and Communication System“ und sollte ursprünglich der Verfolgung von Kundenanfragen und Bestellungen dienen. Es hat sich weiterentwickelt zu einem globaleren System zur Verfolgung von IT-Prozessen und heißt heute „KIX4OTRS“. Eine weitere wichtige Entwicklung kommt vom Mainzer Anbieter uib, dessen Open-Source-Produkt „Opsi“ für automatische Softwareverteilung sorgt und in Richtung Release-Management geht. Nicht vergessen sei der Nagios-Fork „Icinga“, den die Firma Netways vorantreibt, um die Visualisierung von Events, die Usability und die Funktionalitäten von Nagios zu verbessern.

Auf der letzten CeBIT gab es Gespräche zwischen OTRS, CAPE, uib und dem Fuldaer Dienstleister IT-Novum, dessen Absichten noch nicht bekannt sind. Zu erkennen war, dass OTRS offenbar Großes in Sachen ITSM vorhat. Was in Hannover als Pre-Release zu sehen war, hat das Unternehmen gestern freigegeben, die Version 2 von OTRS::ITSM. Die bietet als erstes Open-Source-Produkt jetzt ein völlig neues Modul für Change-Management.

Das deckt eine ganze Prozesskette vom Management der Änderungsanträge (Requests for Change, RFCs) über die Vorbereitung und Planung von Changes, ihre Überwachung und Durchführung bis hin zum abschließenden Review ab. Es bildet auch sämtliche Rollen im Change-Management nach ITIL ab: vom gesamtverantwortlichen Change Manager über das Change Advisory Board, den Change Builder und Change Initiator bis zum Work Order Agent. OTRS::ITSM 2 hat das PinkVerify-Zertifikat für Übereinstimmung mit der aktuellen ITIL-Version 3.

Wer zusammenzählt, was OTRS, Netways, CAPE, uib und die eingangs genannten Open-Source-Tools zusammen bieten, muss schon etwas länger nachdenken, welche Module im Vergleich zum Angebot der Big Four fehlen. Spontan fallen mir nur Qualitätssicherung und Kapazitätsplanung ein. Der Abstand zu den proprietären Angeboten der Big Four verringert sich schnell. ITSM mit Open Source ist im Prinzip für die meisten Prozesse möglich. Jetzt braucht es wohl vor allem ein Projekt bei einem Anwender, das die verschiedenen Lösungen und Anbieter zusammen führt.

So geht’s: Beschaffung von Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 27.04.2010 | Kommentare: 0

27.4.2010 – Ein sehr hilfreiches Dokument für alle in der öffentlichen Verwaltung, die sich für die Verwendung von Open Source interessieren, hat die EU-Plattform OSOR herausgegeben.

Das „Open Source Observatory and Repository“ (OSOR) ist eine Einrichtung der EU-Kommission. Sie dient europaweit den IT-Stäben von Behörden als Plattform für den Austausch von Informationen und Erfahrungen sowie von Open-Source-Code zwecks Verwendung auf allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung. Bekannt ist die Institution vor allem für seine beträchtliche Sammlung von Open-Source-Programmen, die Community-Projekte, Firmen und Behörden selbst entwickelt haben.

Das OSOR hat nun nach mehrjähriger Arbeit eine Studie vorgelegt mit dem Titel „Guideline on public procurement of Open Source Software“. Die 61-seitige Studie (PDF-Download hier) ist englischsprachig, aber sehr einfach zu verstehen, denn sie verlangt keine speziellen juristischen oder IT-technischen Vorkenntnisse. Die Anleitung ist schon deswegen hervorzuheben, weil sie eine Lücke im OSOR-Angebot schließt.

Denn es ist nicht der Mangel an Programmen oder an fehlendem Wollen, der die Verbreitung von Open Source in der öffentlichen Verwaltung behindert. Vielmehr fehlt es zum einen an Wissen über Verfügbarkeit und Quellen von Alternativen zu proprietären Anwendungen. Zum anderen sind „best practices“ in der Beschaffung von Nutzung von Open-Source-Software weitgehend unbekannt. Das führt zu schlechten Beschaffungsverfahren, die auf eine Bevorteilung proprietärer Software hinauslaufen. Aus mangelndem Wissen über alternative Angebote und Wege erliegen IT-Entscheider in der öffentlichen Verwaltung allzu leicht den Einflüsterungen proprietärer Anbieter.

An diesem Punkt setzt die Anleitung der OSOR an. Die Autoren formulieren ihr Ziel so: „Der Zweck dieser Anleitung besteht darin, einzelnen öffentlichen Verwaltungen auf regionaler, nationaler und lokaler Ebene die Beschaffung von Open-Source-Software zu ermöglichen, auch wenn es keine politische Vorgabe in Richtung Open Source gibt.“

Dazu stellen die Autoren unter Berücksichtigung von EU-Vorgaben zunächst allgemein die Prozesse, Prinzipien und Anforderungen für Softwarebeschaffungen in öffentlichen Verwaltungen vor. Dann beschreiben sie diese in Hinblick auf Open-Source-Software und deren Besonderheiten. Die Autoren geben Hinweise, auf welche Aspekte bei der Beschaffung von Open Source für die öffentliche Verwaltung zu achten ist.

ACTA – die Pläne der Patentlobby

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 26.04.2010 | Kommentare: 0

26.4.2010 – Der erste Entwurf für ein internationales Handelsabkommen gegen Raubkopien, ACTA, lässt erkennen, wer da im Hintergrund gearbeitet hat: Die Lobby der Softwarepatentierer sowie der Film- und Musikbranche.

ACTA steht für „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“. Es hat seine Vorläufer im Abkommen über „Trade Related Aspects of Interlectual Property Rights“ (TRIPS) der Welthandelsorganisation WTO aus dem Jahr 1994. Dessen Bestimmungen sind elementare Teile von bi- und multinationalen Handelsabkommen. Die Grundlagen schienen allerdings den zwischenzeitlichen technologischen Entwicklungen nicht mehr zu genügen.

Daher begannen auf Druck der USA im Oktober 2007 geheime Verhandlungen unter anderem mit der EU und Japan mit dem Ziel einer neuen Grundlage, eben ACTA. Am 21. April 2010 ist der erste Entwurf dieses Handelsabkommens an die Öffentlichkeit gelangt. Er enthält noch keine Stellungnahmen der Regierungen der EU-Mitgliedsländer.

Schon der Titel „Handeslabkommen gegen Raubkopieren“ ist irreführend. Es ist weder ein Handelabkommen, noch geht es um Raubkopien. Das hat Hugo Roy, französischer Koordinator der Free Software Foundation Europe (FSFE) in einem Blog-Eintrag gut auf den Punkt gebracht.

ACTA schafft erstens keine Regeln für den grenzüberschreitenden Fluss von Waren oder Dienstleistungen. Es kreiert stattdessen einen völlig selbständigen Apparat mit einem leitenden „Oversight Committee“ und einem durchführenden Sekretariat. Beide fungieren nicht mehr im Rahmen der WTO und sind auch von der World Intellectual Property Organization (WIPO) unabhängig. In WTO und WIPO haben Nicht-Regierungsorganisationen, so genannte NGOs, bestimmte Mitsprache- und Anhörungsrechte. Für ACTA sieht der Entwurf nichts dergleichen vor. Es entstünde als eine nicht demokratisch beeinflussbare Institution.

Zweitens geht es bei ACTA um sehr viel mehr als Raubkopien. Der Entwurf definiert als seinen Wirkungskreis ganz allgemein und ohne genaue Definition „intellectual property“, also Urheberrechte. Die umfassen nach seinen Formulierungen auch ganz andere Dinge, nämlich Warenzeichen, industrielles Design und Patente.

Zu deren Schutz will ACTA, so eine Analyse der Foundation for a Free Information Infrastructure (FFII), rigorose Maßnahmen verankern: Wer seine Rechte verletzt sieht, darf nach dem Entwurf Zivilklagen einreichen und sogleich hohe Strafen und Kompensationen für entgangene Umsätze fordern. ACTA grenzt dabei die Strafforderungen nicht ein. Das Rechtsprinzip der Verhältnismäßigkeit der Strafen wird damit jovial ignoriert.

Der Beklagte muss ferner alle Informationen offen legen. Dies verletzt ein weiteres altes Recht, nämlich das der Aussageverweigerung. Danach muss sich niemand selbst belasten, sondern der Kläger hat die Belastungspunkte beizubringen. ACTA ist letztlich eine Umkehrung der Beweispflicht. Der Kläger ist prompt immer im Vorteil, noch eine Verletzung eines alten Rechtsprinzips.

Darüber hinaus droht ACTA all jenen mit Strafen, welche Mittel für die Verletzung der schwammig formulierten Urheberrechte, Patene etc. zur Verfügung stellen. Bedroht sind damit Software-Distributoren oder Internet-Provider. ACTA will explizit den Online-Service-Providern vorschreiben, den Klagen der sich geschädigt Fühlenden unverzüglich nachzukommen. Das würde rigorose Kontrolle allen Internet-Traffics und vorbeugender Zensur Tür und Tor öffnen.

Insbesonders dieser Punkt, so meint Hogo Roy von der FSFE, könnte zu einer Waffe gegen Freie Software werden. Hintergrund: Software ist auch bei größter Aufmerksamkeit niemals dagegen gefeit, ungewollt Rechte anderer zu verletzen. Patent-Trolle haben sich bei proprietär angelegten Firmen diesen Umstand schon mehr als genug zu Nutze gemacht.

Das ist zweifelsfrei ein richtiger Einwand. Aber eins möchte ich an diesem Punkt festhalten: Für mich sind Hacks kein Grundrecht, grenzenlose erst recht nicht. Und Open Source ist kein Freibrief für Code-Piraterie. Nach meinen jahrelangen Beobachtungen hält sich die Community auch mindestens so achtsam wie proprietäte Anbieter an solche Grundregeln.

In einem Punkt aber stimme ich den Bedenken Ryos jedoch zu: Der ACTA-Enwurf zielt explizit gegen Produkte, die „in erster Linie zu dem Zweck entworfen und produziert wurden, um effektive technologische Maßnahmen zu umgehen“. Wieder eine schwammige und interpretierbare Formulierung – mit der sich wunderbar auch Reverse-Engineering bekämpfen lässt. Hätte ACTA vor 30 Jahren Gültigkeit gehabt, wäre das BIOS der IBM-PCs nie nachempfunden worden. Die Arbeitsplatzrechner wären immer noch so teuer wie damals und alles andere als allgegenwärtig.

Unschätzbar viele Innovationen und Preissenkungen in der IT der letzten Jahrezehnte haben wir Reverse-Engineering zu verdanken. Die ACTA-Verfasser hätten keine E-Mails-Systeme keine Groupware und keine Notebooks gehabt, sondern Diktaphone und Sekretärinnen. Ihr Entwurf hätte Ewigkeiten zur Abstimmung gebraucht. Und endlich bedaure ich einmal den ganzen Fortschritt.

Über die Dreistigkeit der ACTA-Entwerfer kann man sich nur wundern. Sie bezeugen nicht nur ein völliges Fehlen von Wissen über technische Entwicklung und Geschichte. Sie ignorieren darüber hinaus grundlegende Gerichtsurteile, die darauf abzielen, die demokratischen Rechte der EU-Bürger zu schützen.

So hat der Europäische Gerichtshof (EuGH/ECJ) im so genannten Turco-Verfahren geurteilt, die Bürger müssten das Recht haben, alle sie später möglicherweise betreffenden Dokumente schon in der Phase ihrer Entstehung einzusehen: „Offenheit trägt dazu bei, die Demokratie zu stärken… Die Möglichkeit für Bürger, die legislativen Maßnahmen zugrunde liegenden Überlegungen zu erkennen, ist eine Voraussetzung zur effektiven Ausübung ihrer demokratischen Rechte.“ ACTA war ein geheimes Verfahren, dessen Beteiligte unbekannt sind.

ACTA übergeht nicht nur die Rechte der Bürger, es hebelt auch die Bestimmungsrechte ihrer gewählten Regierungen aus. Wenn das Europäische Parlament irgendwann den xten ACTA-Entwurf annimmt, sind die nationalen Regierungen verpflichtet, diese Bestimmungen in eigene Gesetze zu gießen und den jeweiligen Parlamenten zur Beschlussfassung vorzulegen. Die können sich verweigern.

Haben sie aber einmal zugestimmt, hieße das nach den jetzigen ACTA-Vorgaben: Ab sofort bestimmen nicht die nationalen Regierungen und Parlamente ihre jeweilige Rechtsprechung in Sachen Urheberrechte oder Patente oder Raubkopien. Was darunter fällt, definiert das Oversight Committee von ACTA. Und das unterliegt keinerlei demokratischer Kontrolle. Es ist kaum zu fassen, dass sich heutzutage jemand traut, solche Ansinnen auch nur zu unterbreiten.

Der Widerstand gegen „Marktstandards“ nimmt zu

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 22.04.2010 | Kommentare: 0

22.04.2010 – Der IT-Staatsvertrag ist noch keinen Monat in Kraft, doch schon nimmt die Kritik an ihm Ausmaße an, dass man Wetten abschließen kann, wann eine „Nachbesserung“ unumgänglich wird.

Der seit 1. April dieses Jahres gültige IT-Staatsvertrag soll den gesetzlichen Rahmen für die Standardisierung des Datenaustausches von Bundes- und Landesverwaltungen schaffen. En passant wird sein entscheidendes Gremium, der IT-Planungsrat, zu der Institution, die künftig die bundesdeutsche IT-Politik bestimmen wird. Und die hat vom Bundestag einige Leitlinien mitbekommen, darunter die Vorgabe, sich an „bestehenden Marktstandards“ zu orientieren.

Ob dieser Formulierung hat nicht nur die IT-Presse mit Empörung reagiert. Erstmals in ihrer Geschichte haben die Open-Source-Interessenverbände LIVE Linux-Verband und Linux Solutions Group, LiSoG, in einer gemeinsamen Presseerklärung offene statt Marktstandards gefordert. Genau das hat das Berliner Abgeordentenhaus bereits in einer gemeinsamen Entschließung einstimmig gefordert. Der sächsische Landtag hatte sich schon zuvor für offene Standards ausgesprochen.

Jetzt kommt die nächste Intervention, nämlich vom SIBB, einem Branchenverband, der die Interessen der rund 4000 IT-Unternehmen in und um Berlin zu propagiert. Der Verband lehnt Marktstandards rundweg ab. Peer-Martin Runde, Geschäftsführer der SIBB, erklärte in einer Pressemitteilung: „Die Abhängigkeit von Technologien einzelner Großanbieter kann unterm Strich teuer werden, da ‘Marktstandards’ zur Abhängigkeit von Lizenzmodellen führen können. So könnte jeder Bürger gezwungen sein, beim ‘digitalen Gang aufs Amt’ Software zu nutzen, die von wenigen Herstellern angeboten werden.“

Dann hätten die kleineren und mittelgroßen Anbieter von Fachanwendungen kaum eine Chance, spezielle Problemlösungen anzubieten, die ihren Dienst unabhängig von Herstellerstandards leisten. „Im Gegensatz zu Großanbietern verfügen kleinere IT-Unternehmen nicht über die erforderlichen Ressourcen, sich in Standardisierungsgremien aktiv zu engagieren.”

Der SIBB weiter: „Die IT-Industrie der Hauptstadtregion fordert den Einsatz offener Standards auf allen Ebenen der Verwaltung. Dies können sowohl anerkannte Standards aus der Open-Source-Welt als auch allgemein verfügbare Industriestandards nach ECMA, OASIS und SAGA sein.“ Als erfolgreiches Beispiel für die Nutzung gemeinsamer offener Standards nennt der SIBB die xÖV-Standards im Rahmen des Projektes Bremen Online.

Marktstandards förderten das Geschäft von Großanbietern, ihre Produkte international einheitlich vertreiben. Dieser scheinbare Vorteil könne ein Schuss sein, der nach hinten losgeht, so der SIBB:. Die Benachteiligung durch komplexe, herstellerabhängige Standards führe womöglich zu einer Wettbewerbsverzerrung zu Lasten des deutschen IT-Mittelstands.

Open-Source-Gurus unter sich

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 17.04.2010 | Kommentare: 0

17.04.2010 – Gestern endete in San Francisco der vierte „Collaboration Summit“ der Linux Foundation. Die Teilnehmer dieser hochkarätigen „invitation-only“-Veranstaltung resümmierten eine überaus erfolgreiche jüngere Entwicklung von Linux und Open Source, die in diesem Jahr deutlich an Dynamik gewonnen hat.

In seiner Eröffnungsansprache stellte Jim Zemlin, Vorsitzender der Linux Foundation, die rasante Verbreitung von Linux in Embedded Systems, vor allem bei Geräten der Unterhaltungselektronik (Fernseher bis E-Book-Reader) und bei Handys, in den Vordergrund. Beim letztjährigen Collaboration Summit hatte er vorausgesagt, Linux werde das dominante Betriebssystem im Bereich Consumer Electronics. Es sieht ganz so aus, als würde er Recht behalten; denn der Trend zu Linux auf Handys und vor allem Smartphones beginnt gerade erst (mehr dazu hier).

Diese Entwicklung ist für Zemlin überhaupt nicht überraschend. Die Vorteile von Linux in der mobilen Kommunikation bestehen nach seiner Darstellung nicht nur in den geringeren Kosten. Vielmehr verschafft dieses Betriebssystem den Herstellern und den Carriern die Freiheit, vollständig und unabhängig die Ausrichtung ihrer Produkte am Markt zu bestimmen. Sie müssen keinerlei Konzessionen gegenüber den Herstellern einer Systemplattform machen.

Gleichwohl bemängelte Zemlin ein Defizit auf bisherigen Linux-basierenden Geräten. Ihnen fehle die „Magie“, die Apple-Hardware und -Software ausstrahlen. Besseres Design und größere Benutzerfreundlichkeit werde künftig zu den Spitzenthemen der Linux Foundation gehören. Zu diesem Zweck habe er intensive Gespräche mit Linux-orientierten Unternehmen geführt, um sie zu einer engeren Kooperation zu überzeugen. Die Linux Foundation biete dazu eine ideale Basis.

Dies zeige sich, so Zemlin, insbesondere bei der Entwicklung von MeeGo, dem von der Linux Foundation geleiteten Projekt eines neuen Betriebssystems für mobile Geräte aller Art. Im Februar dieses Jahres hatten Intel und Nokia auf dem Mobile World Congress in Barcelona angekündigt, ihre Linux-basierenden Systeme Moblin beziehungsweise Maemo zu verschmelzen. In San Francisco verkündete Nokia, man entwickle gegenwärtig neue Smartphones für MeeGo, und Intel berichtete über Arbeiten, um das neue System an Netbooks und Smartphones mit dem Atom-Prozessor anzupassen.

Zemlin zeigte sich sehr zufrieden über die in wenigen Monaten erzielten Fortschritte und sehr optimistisch über die weitere Entwicklung. Denn gerade zum Collaboration Summit konnte die Linux Foundation verkünden, dass jetzt 27 Firmen am MeeGo-Projekt mitarbeiten. Darunter sind die Hardware-Hersteller Acer, Asus und ST-Ericsson, die Embedded-Spezialisten DeviceVM, Montavista und Wind River sowie die Linux-Distributoren Asianux, Linpus, Mandriva, Novell, Red Flag, TurboLinux und Xandros. Überraschung: Auch BMW ist dabei, um Car-Infotainment-Systeme zu entwickeln.

Ein zunehmend gewichtigeres Thema wird Cloud Computing, dem eine ausführliche Panel-Diskussion galt. Warnungen vor Vendor-Lock-in in den proprietär dominierten Cloud-Angeboten sind eine Sache. Linux und diverse Open-Source-Produkte bieten in etlichen Fällen die Grundlage solcher Clouds. Aber in der Diskussion ist unverändert, welche Rolle Open Source im Cloud Computing spielen könnte. „Bedeutet Open Source auch Open Cloud?“ war schon die Fragestellung, unter der die Panel-Debatte stand.

Es tauchten alsbald weitere Fragen auf: Fließt aus den Clouds auch etwas für die Open-Source-Entwicklung zurück? Welche Rolle spielen offene Daten (nach Art von Wikipedia) in der Cloud? Initiiert Cloud Computing neue Open-Source-Geschäftsmodelle? So tauchte die Idee auf, Open-Source-Services in der Cloud könnten kostenpflichtig sein, während es weiterhin eine kostenlose Community-Version derselben Software geben könnte – allerdings nicht in der Cloud. Fazit: Es gibt verschiedene Modelle über Open Source im Cloud Computing. Allerdings hat in der Open-Source-Szene die Cloud-Debatte gerade erst begonnen.

MySQL: Oracle verspricht Kontinuität

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 16.04.2010 | Kommentare: 0

16.04.2010 – Offenbar sind Sorgen über die Zukunft von MySQL unter den Fittichen von Oracle nicht mehr geboten. Der IT-Gigant hat die Open-Source-Datenbank in seinem riesigen Angebot klar positioniert: als Konkurrenz zu Microsofts SQL-Server.

Dieses hohe Ziel hat jedenfalls Edward Screven, Oracles Chief Corporate Architect, nach Berichten auf der O’Reilly MySQL Conference and Expo verkündet. Gleichzeitig solle MySQL eine schlanke und leicht zu administrierende Datenbank bleiben, obwohl sie einige Features der Oracle-Datenbank bekommen soll. Auch in Zukunft werde es Community-Versionen der quelloffenen Datenbank geben, um ihr eine weite Verbreitung zu sichern. Die Enterprise-Varianten von MySQL will Oracle erhalten und mit neuen Versionen fortlaufend verbessern.

Die schon angekündigten Neuerungen für MySQL scheinen darauf hinauszulaufen, die quelloffene Datenbank nicht im direkten Leistungsvergleich gegen SQL-Server zu positionieren. Vielmehr soll MySQL dem Microsoft wohl bei den Anwendern Boden streitig machen, denen besonders an einer Interoperabilität mit ihren großen Oracle-Datenbanken gelegen ist. Denn im Zentrum der Oracle-Pläne steht die Schaffung einer einfachen Datenmigration zwischen der großen eigenen Datenbank und dem Open-Source-Produkt. MySQL.

Eine deutliche weitere Änderung erfährt MySQL gleichwohl: Oracle wird seine Storage-Engine Falcon wieder durch InnoDB ersetzen. Diese war ursprünglich in MySQL eine zentrale technische Komponente. Aber die Entwickler hatten auf Falcon gesetzt, nachdem Oracle im Jahre 2005 InnoDB gekauft hatte.

Lehren aus der Kritik an IBM

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 15.04.2010 | Kommentare: 0

15.04.2010 – Es war ein kurzer, aber heftiger Sturm. Im Wasserglas, wie sich bald zeigen sollte, aber durchaus erinnerungswürdig, weil lehrreich. IBM hat im Konflikt mit dem französischen Hersteller Hercules eine Liste von Patenten vorgelegt, die Big Blue durch dessen Mainframe-Emulator „OpenHercules“ verletzt sieht. Darunter finden sich zwei Patente, die IBM 2005 im „Non-Assertation Pledge“ (dem so genannten 500-Patente-Geschenk) für Open-Source-Produkte zur kostenlosen Nutzung freigegeben hatte, die unter einer damals von der OSI akzeptierten Lizenz stehen. OpenHercules fällt darunter, denn es steht unter der Qt Public License (QPL) von 1999.

Sofort ging ein Sturm der Entrüstung durch Open-Source-bedachte Online-Medien und Blog-Rolls. Er legte sich aber, nachdem sich bald IBMs oberster Chef für Open-Source-Fragen, Dan Frye (Vice President Open Systems Development), mit einer Klarstellung gemeldet hatte. Frye schrieb unter anderem: „IBM steht heute zu ihrer 2005 gegebenen Non-Assertation Pledge genau so fest wie damals. IBM wird nicht wegen der Verletzung irgendeines dieser 500 Patente durch irgendeine Open-Source-Software klagen.“ Eine ausführliche, deutschsprachige Darstellung des Vorgangs und der Hintergründe findet sich hier.)

Aus den Geschehnissen lassen sich einige Lehren ziehen:

* Nicht nur Firmen und Organisationen, sondern auch Einzelpersonen bilden die Kraft der Open-Source-Community. Die Kritik an IBM äußerte sich fast ausschließlich in individuellen Stimmen.

* Die Kritik hat die Fragwürdigkeit von Softwarepatenten wieder ins Rampenlicht gestellt. Die Aufmerksamkeit auf die Bewegung gegen solche Patente hat sich erhöht.

* Die IBM-kritischen Positionen waren, selbst wenn man die zunehmenden Kommentare von Trolls abzieht, in weiten Teilen überzogen und Panikmache. Es gibt aber gleichzeitig genug Zeitgenossen, die seit langer Zeit die Open-Source-Entwicklung beobachten oder aktiv gestalten und aus ihren Erfahrungen zu besonnenen Positionen kommen.

* Besonnene Kräfte warnen die Open-Source-Szene auch vor Leichtfertigkeit, Übermut und Missbrauch ihrer Rechte. Exemplarisch ist die Aussage von cnet-Blogger und Ubuntu-COO Matt Asay: „Nur weil OpenHercules Open Source ist, ist das keine Lizenz zum Stehlen.“ Ähnlich mahnend hat sich Paula Hunter von Groklaw gemeldet und IBM verteidigt.

* Die Kritik wurde in kürzester Zeit so massiv, dass sie IBM unter Druck setzte, einen Rückzieher zu machen und das Fortbestehen des Patentgeschenks bekräftigen musste. Open Source ist eine mächtige und selbstbewusste Kraft in der IT-Branche.

* Daraus folgt, dass es Firmen sehr schwer fallen dürfte, einmal eingenommene Open-Source-Positionen zurückzunehmen. Open Source ist klebrig und keine Frage von Zeitgeist.

* Dies wird hoffentlich zur Folge haben, dass Firmen nicht mehr so leichtfertig von ihrer Open-Source-Orientierung schwabulieren. Und das ist gut so. Denn in letzter Zeit ist es geradezu chic geworden, sich gelegentlich das modische Open-Source-Mäntelchen überzuhängen, um sich als modern, offen, gut und zukunftsgerichtet darzustellen. Open-Source-Orientierung zeigt sich nicht am Etikett, sondern am Engagement.

Open-Source-Verbände gemeinsam aktiv

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 09.04.2010 | Kommentare: 0

Die in Deutschland und in der EU drohende Aufweichung offener Standards sorgt in Open-Source-Kreisen für Unruhe. Der deutsche IT-Staatsvertrag empfiehlt die „vorrangige Verwendung bestehender Marktstandards“ in der öffentlichen Verwaltung. Der EU-Entwurf eines „European Interoperability Framework“ definiert Offenheit so unbestimmt, dass sich alles offen nennen darf. Solche bedenklichen Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass der LIVE Linux-Verband und die Linux Solutions Group (LiSoG) erstmals in ihrer Geschichte eine gemeinsame Pressemitteilung veröffentlicht haben.

In dieser bringen die Open-Source-Protagonisten zum einen ihre Sorge über die schleichende Abkehr von offenen Standards zum Ausdruck. Zum anderen schlagen sie eine Definition von Offenheit vor, die Interoperabilität der IT-Systeme der Behörden gewährleistet und den Bürgern den elektronischen Datenaustausch mit Ämtern ermöglicht, ohne die Verwendung bestimmter Systeme zur Voraussetzung zu machen.

Die Veröffentlichung einer ersten gemeinsamen Pressemitteilung zeigt, wie groß die Sorgen über eine falsche IT-Politik auf europäischer Ebene und in der Bundesrepublik inzwischen sind. Bisher agierten LIVE und LiSoG weitgehend unkoordiniert, obwohl einige deutsche Open-Source-Anbieter Mitglied in beiden Verbänden sind.

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