28.5.2010 – Apple hat gestern ein Programm aus seinem App Store entfernt, nachdem die Free Software Foundation das Unternehmen darüber informiert hat, dass dessen Source Code unter der GNU GPL, Version 3, steht. Diese Lizenz sieht die Freiheit zur Weitergabe und Modifikation von Software vor. Die App-Store-Geschäftsbedingungen verbieten derlei fast durchweg. Die Reaktion, mehr dazu hier, von Apple war also zu erwarten.
Doch was hat die FSF zu der ungewöhnlichen Maßnahme getrieben, nicht den Programmanbieter, sondern Apple anzuschreiben? Auch eine zweite Erklärung der FSF gibt kaum eine Erklärung. Im ersten Statement aber finden sich zumindest zu Spekulationen einladende Aussagen. So beharrt die FSF darauf, dass die Anwender „das Recht haben sollten, ihre Computer so zu benutzen, wie es ihnen gefällt“. Das ist schon eine ziemliche Attacke gegen eine Firma, die sich in letzter Zeit eher als Regulierer und Zensor aller Dinge gefällt, die User mit Notebooks, Handys und Tablets anstellen könnten.
Deutlicher wird das Ansinnen der FSF in der Formulierung, wenn Apple eine GNU-lizenzierte Software verbreite, dürfe das Unternehmen „anderen nicht durch seine Terms of Services untersagen, das Gleiche zu tun“. Also: Apple soll seine Geschäftsbedingungen entsprechend ändern. Das Ansinnen wiederholt eine andere FSF-Aussage: „Wir wären glücklich, wenn Apple diese Programme unter den Bedingungen der GPL vertreiben würde.“
Im letzten Satz steckt ein auffälliger Plural: „Programme“. Möglicherweise deutet die FSF hiermit an, dass auch weitere Apps in Apples Software-Store GNU-lizenzierte Bestandteile enthalten. Das würde Apple in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Das Unternehmen könnte nur noch von sämtlichen Apps-Entwicklern eine Erklärung verlangen, dass ihre Programme nicht den „GPL-Virus“ haben. Das Ergebnis solch einer Auslese dürfte sein, dass Apples App Store anschließend weit weniger famos ausschaut als bisher.
Das berührt aber Apple-Geschäftsinteressen. Diese könnten durchaus im Kalkül der FSF liegen. Die Verbreitung von Apps mit GPL-lizenzierten Programmteilen könnte Apple zum Einlenken zwingen. Das betrifft auch, künftig auf Drohungen gegen Open-Source- und Freie Software zu verzichten. Eine massive Reaktion von Apple gegen die FSF würde dem Unternehmen in jedem Fall weiteren Imageschaden zufügen.
Was immer die Intentionen der FSF bei diesem Manöver waren: Die Organisation geht ein nicht geringes Risiko ein, indem die sich mit einem Unternehmen anlegt, das vor Selbstbewusstsein nur so strotzt und dies bisher ohne Rücksicht auf öffentliche Reaktionen auch demonstriert. Apple ist unberechenbar, gewiss aber kein guter Freund von Freier Software. Liegt eine rabiate Reaktion von Apple im Kalkül der FSF? So etwas könnte nämlich die ohnehin schon aufmerksam gewordenen Kartellbehörden in den USA endgültig in Alarmstimmung versetzen.