Oracle beweist: Open Source ist unsterblich

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 01.07.2010 | Kommentare: 0

Seit der Übernahme von Sun durch Oracle hat es immer sorgenvolle Stimmen gegeben, was nun wohl aus den Open-Source-Produkten und -Projekten werde, die Sun einst unterstützte. Mehr als ein Jahr nach dem überraschenden Coup von Oracle lässt sich eine Bilanz immer noch nicht ziehen. Unverändert sind Beobachter auf Stimmen einzelner Oracle-Manager angewiesen, die aber bisher verbreitete Befürchtungen letztlich nicht haben ausräumen können.

Aus der Sicht der Besitzer von Oracle-Aktien könnte das Unternehmen mit der Übernahme alles richtig gemacht haben. Nach Oracle-Angaben wird die Sun-Übernahme mehr zum Gesamtumsatz beitragen als die Käufe von BEA, Peoplesoft und Siebel zusammen. Aber es gibt noch andere Personen, die quasi einen Anteil an Oracle haben, nämlich jene, die Code für einst von Sun unterstützte Open-Source-Produkte beigetragen haben. Für diese Leute sieht es nicht so schön aus, was Oracle macht.

In der jüngsten Ausgabe des hauseigenen „Oracle Magazine“ hat sich der Chief Corporate Architect Edward Screven soeben über „the importance of open source and open standards“ interviewen lassen. Dabei geht er auf die von Sun übernommenen Open-Source-Produkte MySQL, Java und OpenOffice ein.

MySQL solle erstens in Sachen Features, Durchsatz und Qualität ein besseres Produkt werden, zweitens besseren Support erhalten und drittens besser mit anderen Oracle-Produkten verknüpft werden. Unverändert fehlt jedoch eine Angabe, wie Oracle das preislich attraktive Open-Source-Produkt in Relation zur Hausdatenbank am Markt positioniert. Ferner laufen die Aussagen zum dritten Aspekt der Integration darauf hinaus, dass in mancherlei Hinsicht nicht MySQL verbessert wird, sondern die Anwender Verbesserungen nur dann erleben werden, wenn sie andere Oracle-Produkte kaufen.

Es fällt auf, dass Screven nichts darüber sagt, wie Oracle die Entwicklung von MySQL gestalten möchte. Die Datenbank wurde seit frühen Entstehungszeiten ausschließlich von der Firma MySQL entwickelt. Die Rolle der „Community“ beschränkte sich auf eine ziemlich passive Anwenderrolle, nämlich auf Fehlersuche, Verbesserung der Dokumentation und Anregungen für die weitere Entwicklung. Wird das unter Oracle-Ägide so weiter gehen? Welches Motiv sollten die Anwender haben, mit ihrer Beteiligung die Profite von Oracle zu mehren, wenn sie nicht belohnt werden? Oracle bleibt die Antworten schuldig.

Java war nach Äußerungen von Oracle ein Hauptmotiv der Sun-Übernahme. Das Unternehmen hebt immer wieder die strategische Bedeutung der Programmiersprache hervor. Aber wie steht es um sie, wenn ihr Erfinder, James Gosling, das Handtuch wirft und bei Oracle kündigt? Seine Aussage zu dem Vorgang: „Warum ich gegangen bin, ist schwer zu sagen: So ziemlich alles, was ich dazu akkurat und ehrlich sagen könnte, würde mehr Schaden als Gutes bewirken.“ Was immer da vorgefallen ist, dieser Abgang und diese Aussage hinterlassen ein mulmiges Gefühl.

OpenOffice kommt in Oracle-Statements herzlich wenig vor. Die Bürosuite nimmt sich selbst in Oracle’s Gemischtwarenladen an wie ein Fremdkörper, es passt zu nichts rechts und links. Deswegen bildet sie bei Oracle auch eine selbständige Global Business Unit, mit eigenem Entwicklungs- und Verkaufsteam, mit eigenständiger Organisation. Deswegen hat mein Kollege Glyn Moody vorausgesagt, Open Office werde „wahrscheinlich weitestgehend vom Oracle-Topmanagement ignoriert“. Ich bin nicht sicher, ob ich das für eher besser oder eher schlechter halten soll.

Glyn Moody findet es übrigens besonders bemerkenswert, dass Oracle-Manager Screven in einem Beitrag über die Wichtigkeit von Open Source und Offenen Standards nicht auf OpenSolaris eingeht. In meinen Augen ist das ein klares Zeichen, dass Oracle mit dem Sun-Betriebssystem auch nach mehr als einem Jahr nicht recht etwas anzufangen weiß. Dabei wäre die nächstliegende Idee, endlich die erfolglose Red-Hat-Kopie „Unbreakable Linux“ aufzugeben und durch OpenSolaris zu ersetzen.

Oracle ist aber keine Betriebssystem-Company und bräuchte die erfahrenen „Deckhands“ aus Sun-Zeiten. Von denen sind aber etliche von Bord gegangen und haben anderswo angeheuert. Einer von ihnen ist besonders interessant und zeigt den Weg an: Simon Phipps, einst unter Kapitän Jonathan Schwartz der Sun-Steuermann in Open-Source-Gewässern. Heute ist er (hier sein fabelhafter „Webmink“-Blog) der Chefstratege des norwegischen Open-Source-Unternehmens ForgeRock.

ForgeRock hat zum Einstand gleich einmal eine lehrreiche Aktion hingelegt: Es veröffentlichte das Produkt OpenAM, das ein kaum überarbeiteter Fork des Open-Source-Produkts OpenSSO von Sun ist. Kurz zuvor hatte Oracle von seinen Websites die Download-Möglichkeit für diese Single-Sign-on-Lösung beseitigt. Dabei war OpenSSO unter Sun-Aufsicht noch gedacht als Kern eines umfassenderen Open-Source-Pakets für Authentifizierung und Rechteverwaltung. Genau diese Ausbaupläne verfolgt nun ForgeRock weiter.

Dies ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass Open-Source-Produkte – anders als bei proprietären Lösungen – nicht einfach in Folge einer Firmenübernahme verschwinden, weil der neue Besitzer ihren Wert nicht erkennt oder sie ihm nicht ins Konzept passen. Für MySQL stünde der Nachfolger Maria DB schon bereit. Für Anwender ist es beruhigend zu wissen, dass Open-Source-Software auch dann unsterblich ist, wenn sie selbst mit dem Sourcecode nichts anzufangen wissen.

Die Open-Source-Community reagiert schnell, wenn ein Produkt in Gefahr ist, das viel versprechend angelegt ist, verbreitet ist und/oder benötigt wird. Sie agiert sogar prophylaktisch. Beispiele sind Adempiere, als das ERP- und CRM-Projekt Compiere ins Schlingern kam, oder Icinga, als es bei Nagios nicht mehr recht weiter ging.

Oracle scheint kein Verständnis für Open-Source-Entwickler- und Anwender-Communities zu haben. Und das könnte für den Softwaregiganten fatal enden. Wenn es dem Unternehmen nicht gelingt, Communities um seine Open-Source-Produkte zu bilden und an sie zu binden, wird es mit diesen Lösungen bald alleine stehen. Communities sind schneller ruiniert als aufgebaut. Ohne sie gibt es die Open-Source-Produkte nicht mehr, wohl aber Forks, Ableitungen von den alten Code-Grundlagen. Daraus muss Oracle kluge Lehren ziehen – nicht die Anwender.

Nokia: MeeGo statt Symbian

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: | Kommentare: 0

Bei den Smartphones der N-Serie verabschiedet sich Nokia vom alten Betriebssystem Symbian. Das geht aus einer Aussage von Nokia-Sprecher Doug Dawson: „Künftig werden Geräte der N-Serie auf MeeGo basieren“ (Going forward, N-series devices will be based on MeeGo), zitiert ihn Reuters.

Die Nachrichtenagentur meldet aber, und die Website Tom’s Hardware hat das leider auch nicht hinterfragt, das bereits angekündigte nächste Spitzenmodell der Nokia-Smartphones, das Modell N8, werde das letzte mit Symbian sein. Das erscheint doch sehr fraglich. Denn erstens erklärt Reuters nicht, auf was sich diese Aussage stützt. Zweitens widerspräche sie der Aussage von Dawson. Drittens wäre es ein gehöriger Unsinn, ein neues Flaggschiff-Smartphone auf den Markt zu bringen, dessen Betriebssystem für diese Geräteklasse bereits abgekündigt ist. Die Kunden dürften nur noch sehr verhaltenes Interesse zeigen.

Nokias lange beherrschende Position im Handymarkt hat eine Analogie in der Dominanz des alten Betriebssystems Symbian. Beiden Führungsrollen hat zunächst Apple, zuletzt auch noch Google (Android) mächtig zugesetzt. Offenbar bleibt Symbian aber erhalten – nämlich als Betriebssystem für einfache Handys der unteren Preisklassen.

Laut Gartner haben Linux-basierende Systeme im ersten Quartal ihren Marktanteil von neun auf 14 Prozent erweitern können. Dies widerspiegelt vor allem den Erfolg von Google mit der Linux-Variante Andriod im für Kunden wie Hersteller gleichermaßen attraktiven Smartphone-Segment. MeeGo, ein Zusammenschluss der Linux-Entwicklungen Maemo von Nokia und Moblin von Intel, tritt erst Ende dieses Jahres mit Geräten auf den Markt, kommt also etwas spät. Allerdings wird dieses System unter der Leitung der Linux Foundation explizit nicht nur für Handys konzipiert, sondern für alle möglichen kleinen mobilen Geräten von Netbooks bis Infotainment-Appliances in Autos.

Im unteren Handy-Preissegment dürfte Symbian noch eine ganze Weile anzutreffen sein. Auch dieses System hat Nokia längst Open Source gestellt. Weil Microsoft im Handy-Highend kam mehr vertreten ist, läuft es hier auf ein Rennen zwischen Apple und Linux hinaus, während die beste Zeit von Research in Motion vorbei zu sein scheint. Für IT-Entwickler sind letztlich Linux-basierende Geräte vorteilhaft, denn diese sind offen. Und im Gegensatz zu Apple gibt es bei Google nur geringe, bei MeeGo keine Beschränkungen oder Auflagen, es sei denn, die Carrier schaffen die.

Apple bekommt wegen seiner undurchsichtigen und willkürlichen Interpretation seiner AGBs für App-Entwickler seit einiger Zeit Schwierigkeiten. In letzter Zeit kommen auch noch Beschwerden und Verdächtigungen hinzu, das Unternehmen könne „Google like“ persönliche Informationen über die Nutzer sammeln. Letztlich sind das beste Voraussetzungen für die Open-Source-Alternativen.

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