Frauen und Open Source – Nicht anders als anderswo
Publiziert: 19. Juli 2010, Verfasst von: Ludger Schmitz (freier Journalist), Tags:Adele Goldberg,Frauen,Free Software Foundation,Jacqueline Rahemipour,Open Source
Die Free Software Foundation (FSF) hat sich mit einem nicht zu übersehenden Problem der Bewegung für freie Software befasst: Nur ganz wenige Frauen sind in ihr aktiv, in hervorgehobenen Positionen sind äußerst wenige zu finden. Daran möchte die FSF etwas ändern. Jetzt hat sie Empfehlungen vorgestellt. Und wer macht die per Mail in aller Welt bekannt? Ein Mann. Siehste!
Grundsätzlich scheint mir das kein spezifisches Problem von Open Source zu sein. Eher eins der Informatik? Die wenigen Frauen, die ich in der IT kenne, haben einen anderen Hintergrund. Sie kommen aus der Mathematik. Jetzt bin ich als Journalist seit 23 Jahren in der IT-Branche und erinnere mich nur an eine Ausnahme, die studierte Informatikerin Adele Goldberg. Die hat 1988 den Smalltalk-Spezialisten Parcplace gestartet, eine Ausgründung aus dem Palo Alto Research Center, dem legendären PARC von Xerox. Sie war gleichzeitig eine der ganz wenigen Frauen in einer Führungsposition, die ich kennengelernt habe, nämlich Geschäftsführerin. Alle anderen waren im Marketing, in der PR. Und da war „bella figura“ karrierefördernd.
Nun hat ja die Open-Source-Szene nicht ganz die übliche Business-Attitude. Etwas alternativ, querdenkender gefällt man sich hier schon, was aber ganz und gar nicht politisch links heißen muss. Ist es da anders? Mir laufen ständig Männer über den Weg. Die einzige Ausnahme, die mir jetzt einfällt, ist Jacqueline Rahemipour, eine treibende Kraft im deutschen Segment von OpenOffice.org. Alle anderen Frauen haben die klassischen Aufgaben: Marketing und PR. Immerhin gilt es zu konstatieren, dass deutsche Open-Source-Anbieter offenbar die körperliche Erscheinung nicht zum K.O.-Kriterium bei der Anstellung machen. Wenigstens etwas.
Immerhin hat die FSF das Thema Frauen in der Free-Software-Entwicklung im Spätsommer letzten Jahres zum Thema eines kleinen Kongresses gemacht. Aus dem ging ein Frauenkomitee hervor, das sich eingehender mit der Diskrepanz beschäftigt und nun Vorschläge zur Verbesserung der Situation, vorgelegt hat, die sich an Frauen, Männer, Open-Source-Projekte und -Firmen gleichermaßen richten.
Die Analyse der Barrieren für Frauen ist ein selbstkritischer Befund: Die Bewegung für freie Software werde als „Boys’ Club“ wahrgenommen, der Frauen keine Rolle in ihr zubillige und keine Fehler erlaube. Die von Frauen trotzdem wahrgenommenen Rollen jenseits der Programmierung würden unterbewertet; die wenigen aktiven Frauen fühlten sich isoliert. Finanzielle Engpässe würden bei Frauen eher zu einem Hinderungsgrund für Aktivitäten als bei Männern. Das Gute an dieser Analyse ist, das sich in ihr die üblichen Klischees nicht finden.
Daraus leitet das Frauenkomitee Empfehlungen ab: Hebt Frauen in ihrer Arbeit hervor, wobei sie insbesondere weitere Beteiligte rekrutieren könnten. Unterstützt ihre Arbeit durch Mentoren sowie Mailing-Lists und andere Events, die nur Frauen offen sind. Jeder Form von Beitrag zu Bewegung gebührt Anerkennung, auch wenn es nicht um Code geht. Kooperation geht vor Wettbewerb. Und schafft für Frauen mehr Möglichkeiten, ohne finanzielle Zusatzbelastungen an Events und einer besseren Kommunikation teilzunehmen.
Soweit nur der grobe Überblick; die Vorschläge sind viel detaillierter, beziehen sich zum Teil aber eher auf die Situation in den USA. Vieles aber ließe sich auf hiesige Verhältnisse übernehmen. Die Frage ist nur, ob es – wieder einmal – bei netten Vorschlägen bleibt.