Die beste Open-Source-Software ist mehr als nur durch Alter reifes Zeug

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 31.08.2010 | Kommentare: 0

Die US-amerikanische Publikation „Infoworld“ hat ihre alljährlichen „Best Open Source Software Awards“, kurz: „Bossies“, vergeben. Die gibt es in vier Kategorien: Anwendungen, Entwickler-Tools, Plattformen und Middleware. Oliver Diedrich, Chefredakteur von HeiseOpen, ist in der Kategorie so einiges aufgefallen, was ihm nicht unbedingt gefällt.

„Das sind alles alte Bekannte auf der Liste“, merkt Diedrich launisch an. In der Tat, das ERP-System OpenBravo, SugarCRM, Pentaho, Drupal, WordPress und Alfresco haben die Auszeichnung schon in Vorjahren bekommen. Auch die anderen Produkte können auf ziemlich viel Geschichte zurückblicken. Noch mehr fällt dabei auf: Hinter diesen Produkten stehen Hersteller, keine romantische Community, sondern klare Geschäftsinteressen.

Allzu oft schlagen die sich nieder in einem inzwischen recht verrufenen Geschäftsmodell: Open Core. Das heißt, ein Kern der Lösung ist meist als Community-Version Open Source, wer aber damit im Unternehmen arbeiten will, ergo Support voraussetzt, kommt an einer „Enterprise“-Version nicht vorbei. Deren Erweiterungen sind dann Closed Source. Letztlich ist der Anwender damit genauso vom Hersteller abhängig wie bei klassischer proprietärer Software. Und an dem Teil des Codes darf auch nichts geändert werden. Von Weitergabe ganz zu schweigen. Kein Open Source also.

Diedrich tröstet sich damit, dass diese Art Programme – der Blick in die anderen Kategorien belegt es – nur einen Teil der Open-Source-Software ausmacht, die in den Unternehmen zum Einsatz kommt. Open Source for Business ist viel mehr, umfasst nämlich in der Anwenderpraxis auch Entwickler-Tools, Plattformen und Middleware.

Die Beobachtung ist richtig, nicht aber der erweckte Eindruck, in Sachen Open-Source-Business-Software täte sich nicht gerade viel. Das ist völlig falsch. Die Linux Solutions Group (LiSoG) ist dabei einen Open-Source-Software-Stack zusammenzustellen, dessen Programme über (natürlich quelloffene) Middleware aufeinander abgestimmt sein werden. Daraus entsteht gar eine Cloud-fähige Variante.

Bei diesem Programm sind auf der Ebene der Applikationen Firmen und Produkte dabei, von denen nur wenige Leute etwas gehört haben dürften: NovaBit und HeliumV in Sachen ERP, Point Software und Information Desire machen Projektmanagement, letztere auch noch CRM, für Product-Lifecicle-Management engagiert sich OSSworx, Video-Conferencing kommt von der Struktur AG, das Dokumenten-Management-System von Agorum, Asterisk-VoIP von Cowic.

Die Liste ist hoffnungslos unvollständig, weil es wöchentlich mehr Firmen werden, die Open-Source-Software für Unternehmen und öffentliche Verwaltung besser integrieren wollen. Hier vor Ort, in Deutschland, wächst eine nächste Generation von Open Source for Business. Ob das aber jemals den Leuten bei der US-amerikanischen „Infoworld“ auffallen wird, ist eher zweifelhaft. Ein Boss-Award muss auch nicht sein.

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