Britische Regierung macht offene Standards zur (Beinahe-)Pflicht

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 09.03.2011 | Kommentare: 0

Zwei konservative europäische Regierungen, doch zwei deutlich unterschiedliche IT-politische Ausrichtungen. In Deutschland verkommt die jahrelange Orientierung auf „offene Standards“ zur Beliebigkeit – man erinnere sich an die Debatte über „Marktstandards“. In Großbritannien schreibt die Regierung der öffentlichen Verwaltung bei der Auftragsvergabe den Einsatz offener Standards vor. Britische Behörden müssen nunmehr „in ihren Beschaffungsvorgaben wo immer möglich auf offene Standards setzen“.

Was „offene Standards“ sind, ist auch genau definiert – enger als es die EU in der neuen Version des European Interoperability Framework (EIF) getan hat, von bundesdeutschen Interpretationen ganz zu schweigen. Solche Standards müssen nämlich nach britischer Vorgabe (ausführlicher hier) Ergebnis eines „offenen, unabhängigen Prozesses“, in eine Norm eingeflossen, vollständig dokumentiert sowie kostenlos oder zu geringen Kosten verfügbar sein. Dabei muss sich das mit Standards verbundene geistige Eigentum „unwiderruflich und lizenzkostenfrei“ nutzen lassen.

Von Open-Source-Software ist nicht die Rede, aber es scheint sie fördern zu wollen. Ganz so ist dem allerdings doch nicht. Denn die Regierungsvorgabe enthält ein Hintertürchen, nämlich eine Ausnahme für den Fall, dass „klare Geschäftsgründe“ ihre Einhaltung nicht möglich machen. Solche Ausreden werden sich finden lassen. Die Marketing-Abteilungen proprietärer Anbieter werden die Argumente hübsch zu formulieren wissen.

Doch die Business Software Alliance (BSA), die internationale Lobby der proprietären Softwarehersteller, hat sogleich erkannt, dass ein Verlangen nach offenen Standards nicht diesen, sondern den Open-Source-Anbietern entgegen kommt. Weshalb sie sich sogleich „zutiefst besorgt“ über die Regierungsvorschrift äußerte. Die Begründung entsprach 1 : 1 der alten Argumentation gegen Open Source. Früher erklärte die BSA über diese, heute über die Vorgabe offener Standards, „sie vermindert unausweichlich das Angebot, behindert Innovation und erhöht die Kosten von E-Government.“ Der britische IT-Journalist Glyn Moody kommentiert: „More Fun with Anti-Open Source FUD“

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