Patina-Debatte: Ist Open Source doch kein Sparschwein?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 18.03.2011 | Kommentare: 1

In den Niederlanden ist es bis ins Parlament zu einer Debatte darüber gekommen, ob Open-Source-Software (OSS) die IT-Kosten reduziert. Auslöser war eine interne Untersuchung des Innenministeriums, wonach die niederländische Zentralregierung durch Verwendung quelloffener Programme jährlich 500.000 bis eine Million Euro einsparen könnte. Das hatte bereits die Regierung als unseriöse Berechnung abgetan.

Es folgte die Zurückweisung der Angaben durch den niederländischen Rechnungshof. Der berechnete, das Einsparpotenzial durch Open Source sei allenfalls gering und es gebe keine belastbaren Belege dazu. Das wollen die niederländischen Grünen im Parlament so nicht stehen lassen. Sie kritisieren, dass der Rechnungshof nur die Client-Kosten kalkulierte. Außerdem betonen sie, selbst ein kleinerer Spareffekt als im Innenministerium berechnet sei der Mühe wert. Mehr Details unter anderem hier.

Die Debatte hat Patina-Anmutung; zumindest sind nicht nur in Open-Source-Kreisen die Kostenvorteile von OSS längst nicht mehr das gewichtigste Argument. Sie sind auch für Anwender nicht mehr das wichtigste Motive, um auf solche Programme umzusteigen. Das hat, wie in diesem Blog berichtet, das Marktforschungsunternehmen Gartner mit Verweis auf eigene Umfrageergebnisse Anfang Februar dieses Jahres dargelegt. Doch ein wichtiges Argument ist es nach Angaben der Analysten immer noch.

Deswegen überraschen wiederholte Debatten über das Thema nicht. Die haben eine Crux: Wirtschaftliche Vorteile lassen sich eigentlich nur für Unternehmen halbwegs verlässlich berechnen. In der öffentlichen Verwaltung sind solche Rechenmodelle bedingt aussagekräftig. Denn ein beträchtlicher Anteil der staatlichen Investitionen ist von gesamtökonomischen Motiven begleitet, siehe die zahlreichen Konjunkturprogramme.

Der Staat und seine Organe greifen mit ihren Ausgaben in die wirtschaftliche Entwicklung ein. Die Vergabebestimmungen sind Formularien, bei denen nicht zwangsläufig der günstigste Anbieter den Zuschlag bekommt. Die öffentlichen Verwaltungen gelten zwar nicht gerade als Vorreiter der Moderne. Aber sie sind zusammen genommen nicht nur in Deutschland der größte IT-Investor. Das bedeutet, sie sind eine Marktgröße. Die Frage ist, was man aus Macht macht und ob man überhaupt Macher sein will.

Die Auseinandersetzung in den Niederlanden ist nur eins von zahllosen Beispielen in Europa, dass IT-Investitionen der öffentlichen Verwaltungen keiner wirtschaftspolitischen Intention folgen. Es gibt keine Orientierung, den Fluss von Steuergeldern in die USA zugunsten der lokalen Wirtschaft umzulenken. Die IT-Anbieter in Europa sind kein Wirtschaftsfaktor wie die Automobilindustrie, der Maschinenbau oder der Energiesektor. Deswegen ist die europäische IT-Industrie nicht im Fokus der Wirtschaftspolitik. Weshalb diese sich auch Argumentationen erlaubt, die eine starke Patina-Anmutung haben oder einfach halbseiden sind.

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