Zahlreiche Open-Source-Produkte sind für Großunternehmen aus der IT-Branche unverzichtbar. Das ist die wichtigste Lehre aus aktuellen Vorgängen. Oracle interessiert sich zwar ausschließlich für Linux und (ein wenig) für MySQL. IBM aber hat umfassendere Ambitionen und scheut sich nicht, dafür tief in die Tasche zu greifen. Als Oracle das Interesse an dem mit der Übernahme von Sun erhaltenen OpenOffice verlor, weil es sich nicht so einfach zu einer Gelddruckmaschine machen ließ, sprang IBM ein, denn das Büropaket hat für Big Blue strategische Bedeutung.
Offenbar hat IBM in den letzten Wochen intensiv mit Oracle verhandelt und das Unternehmen mit sanftem Druck zu einer akzeptablen Lösung eines Problems bewegt. Oracle übergab am 1.6. OpenOffice.org (OOo) samt aller damit verbundenen Rechte an die Apache Software Foundation (ASF). Dort durchläuft dieses sehr verbreitete Produkt einen aufwändigen Evaluierungs- und Organisationsprozess (Incubator, ausführlicher hier). Mit größeren Problemen ist dabei nicht zu rechnen, so dass die Software eines Tages unter der Apache License 2 stehen wird und vielleicht den Namen Apache OpenOffce tragen wird.
Wie stark IBM in die Aktion involviert war, zeigte eine Pressemitteilung, die das Unternehmen am gleichen Tag veröffentlichte. Es versprach eine „aktive, unterstützende Rolle in der neuen OpenOffice.org“, man werde die weitere Entwicklung auch durch personelle Ressourcen unterstützen – offenbar beendet Oracle alle Entwicklungsarbeiten an OpenOffice. IBM braucht ein lebendiges OpenOffice-Projekt mit hohem Ansehen, was beides in der Oracle Zeit gelitten hat. Denn IBMs Bürosoftware-Suite Lotus Symphony basiert in weiten Teilen auf OpenOffice.
Aufschlussreich sind auch die danach erschienenen Statements führender IBM-Mitarbeiter in dieser Sache. Denen ging es vor allem darum, zu erklären, dass Apache und sein OpenOffice-Projekt trotz des Engagements von IBM unabhängig sei. Ed Brill, Director Lotus Software bei IBM, schrieb in seinem Blog: „In der Apache-Welt bewegen sich Projekte nach dem Willen von Individuen, nicht nach dem von Firmen.“ Bob Sutor, der für die Open-Source-Orientierung zuständige IBM-Vice-President, entwickelte auf seinem Blog zwar einige Ideen für die Zukunft von OpenOffice, versicherte aber, damit der Apache-Stiftung nicht hereinreden zu wollen.
Ein IBM-Mitarbeiter wird im künftigen OpenOffice-Projekt eine hervorgehobene Rolle spielen. Denn die Apache Software Foundation berief Rob Weir in das Leitungsgremium des Projekts. Weir vertritt IBM in diversen internationalen Standardisierungsgremien und spielte eine maßgebliche Rolle bei der Verabschiedung des Office-Standards Open Document Format (ODF). Jetzt betonte er, sich für „die Meritokratie des Apache-Prozesses“ stark machen zu wollen. „OpenOffice muss Vielfalt zeigen… Zu viel IBM- und/oder Oracle-Einfluss werden OO.org nicht helfen.“ Er rief IT-Unternehmen und Einzelentwickler auf, sich an der OpenOffice-Programmierung in dem Apache-Projekt zu beteiligen und beschrieb gleich detailliert die Arbeitsweise.
Wie wichtig die Apache-Stiftung das OpenOffice-Projekt nimmt, zeigt sich auch daran, dass Jim Jagielski, President der ASF, sein Mentor im Aufnahmeverfahren ist. Der brachte gleich ein weiteres Ziel der Organisation zur Sprache: Er habe bereits Kontakt zur LibreOffice-Organisation The Document Foundation aufgenommen und „hoffe, dass wir zusammenarbeiten können“. Die Schirmherrschaft von Apache nährt Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung von Open- und LibreOffice. IBMs Bob Sutor: „Ich hoffe, dass OpenOffice in Apache betrachtet wird als ein Weg, einige Stränge zusammenzubringen, die sich von der Hauptprojektlinie in den letzten Jahren getrennt haben.“
Doch die Document Foundation hat bisher verhalten reagiert. Italio Vignoli, Mitglied in ihrem Steering Committee, bekundete zwar eine generelle Gesprächsbereitschaft, zeigt sich ansonsten aber eher zurückhaltend. Zuerst müssten diverse lizenzrechtliche Probleme um LibreOffice-eigene Entwicklungen aus dem Weg geräumt werden.