Communities oder Firmen? Wie Open-Source-Software entwickelt wird

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 30.07.2011 | Kommentare: 0

Eins der berühmtesten Essays der Open-Source-Geschichte ist „The Cathedral and the Bazaar“ von Eric Raymond. Der Autor vergleicht darin proprietäre Softwareentwicklung mit hochheiligen, geheimnisumgebenen einer Kathedrale, während dem gegenüber Open-Source-Entwicklung die Wuseligkeit der Menschenmassen auf einem Basar hat. Das Bild hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Die Meinung ist verbreitet, Open-Source-Software entstehe durch die Zusammenarbeit vieler unabhängiger „Feierabend-Programmierer“. Das ist eine ziemlich romantische Sicht; die Realität sieht anders aus.

Bekannt ist dies insbesondere vom Linux-Kernel. Nach einer Analyse der Linux Foundation vom Ende letzten Jahres (PDF-Download) sind zwischen 2005 und 2010 mehr als 70 Prozent der Änderungen am Kernel von Personen gekommen, die bei Firmen angestellt waren.25 Prozent der Codebeiträge kommen von unabhängigen Personen oder solchen, deren Position sich nicht genau klären lässt. Vier Prozent kommen von Beratern und aus Universitätskreisen. Die Entwicklung des Linux-Kernels stützt sich also vorwiegend auf Firmenmitarbeiter. Besonders rege waren in diesem Zeitraum Mitarbeiter von Red Hat, Novell, IBM und Intel. Allein aus diesen Firmen kommt fast ein Drittel der Kernel-Modifizierungen. Linux-Distributionen enthalten noch einen deutlich höheren Grad an firmengenerierter Open-Source-Software.

Wie sieht es bei anderer Open-Source-Software aus? Beim Browser Firefox ist nichts bekannt. Die Bürosuite OpenOffice stützte sich bei der Programmierung früher vor allem auf Sun, genau genommen auf mehr als 100 Entwickler in Hamburg, die Sun beim Kauf von Star Office übernommen hatte. Die unabhängige Community war vor allem bei der Fehlersuche, bei Dokumentation und bei Marketing engagiert. Wie hier berichtet, hat der Sun-Käufer Oracle inzwischen hingeworfen und OpenOffice der Apache Software Foundation übergeben.

Das heißt nun allerdings keineswegs, dass OpenOffice künftig von unabhängigen Entwicklern vorangetrieben wird. In der Apache Software Foundation ist eins der größten Projekte Eclipse. Und das ist kein Basar und auch keine Kathedrale, hat der Forrester-Analyst Jeffrey Hammond angemerkt, eher ein Shopping-Center, in dem die zahlreichen Eclipse-Projekte Läden sind. Alle haben eigene kommerzielle Absichten und unterschiedliche Bedürfnisse, aber sie nutzen gemeinsam eine Infrastruktur und haben ein übergeordnetes Gesamtinteresse, nämlich Open Source. Diese Analogie lässt sich auch ganz gut auf die gesamte Apache Software Foundation übertragen.

Matthew Aslett, ein Analyst aus der Abteilung Commercial Adoption of Open Source (CAOS) bei The 451 Group, hat sich 22 Eclipse-Projekte genauer angesehen und im CAOS-Blog beschrieben: In zehn Unterprojekten von Eclipse stammen 90 bis 100 Prozent des Codes von Firmen, in drei Fällen von individuellen Programmierern. Noch krasser wird das Bild, wenn man hinzurechnet, dass in weiteren vier Fällen 50 Prozent und mehr des Codes von einer einzigen Firma stammen.

Jetzt muss man in Betracht ziehen, dass ein kaum zu kalkulierender Teil der Software mit dem Open-Source-Label ausschließlich oder weitgehend von IT-Anbietern kommt. Das ist zum Beispiel bei Gerätetreibern der Fall. Oder Firmen veröffentlichen Programme, die nötig sind, um eine proprietäre Anwendung auf Basis von Linux laufen zu lassen. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen, sehr verbreiteten kommerziellen Open-Source-Produkte, bei denen sich Hersteller das alleinige Recht vorbehalten, für die Enterprise-Version das Programm zu pflegen. Hier dürfen nur Vertriebspartner und wenige „trusted developers“ mitentwickeln. Beispiele dafür sind SugarCRM und Alfresco. Obwohl viele in Frage stellen, ob derlei noch Open Source ist, laufen diese Produkte unter einer OSI-akzeptierten Lizenz.

Mithin wird ein gewaltiger Teil der Open-Source-Welt nicht von einer Community entwickelt, sondern von Firmen getrieben. Das bedeutet erstens, dass Open-Source-Software nicht den Launen und Befindlichkeiten einer unüberschaubaren und unkalkulierbaren „Horde“ von Freizeitprogrammierern unterliegt. Das Firmenengagement ist allein schon ein Garant für Beständigkeit – auch in Sachen Fehlerbehebung und Support. Und es bedeutet zweitens, dass immer mehr IT-Anbieter Grundsätze der Open-Source-Welt als vorteilhaft für ihre eigene Softwareentwicklung erkennen.

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