Kalter Krieg und gegenseitige Abschreckung

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 21.09.2011 | Kommentare: 0

Der Kalte Krieg zwischen den Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt funktionierte so: Die Supermächte USA und UdSSR bedrohten sich gegenseitig mit ihren immer größeren atomaren Waffenpotenzialen nach der Devise: Greifst du mich an, kann ich dich im Gegenschlag immer noch vernichten. Angriff ist also Selbstmord. Die Abschreckung funktionierte, wenn es auch einige Male, vor allem in der Kuba-Krise, Spitz auf Knopf stand.

Im Prinzip hat es auf diese Weise auch in der IT geklappt. Die Unternehmen benutzten ihr Patentportfolio. Man erteilte gegenseitig Lizenzen, nahm es aber nicht immer so genau. Wenn du mich deswegen verklagst, haue ich dich mit meinen Urheberrechten in die Pfanne. Also hat jede Seite lieber die Hunde mit dem Paragrafenbiss im Zwinger gehalten.

Zwei Faktoren haben das geändert, der heiße Krieg ist ausgebrochen: Im IP-Wettrüsten wurden Patente auf banale, schon bekannte Techniken plötzlich wertvoll – und von Gerichten anerkannt. Eine Firma, SCO, beanspruchte weitgehendes geistiges Eigentum an Linux und verklagte auf Milliarden Dollar Linux-Anwender und Anbieter. Das erwies für die Klägerin (wie hier berichtet) als ein FiaSCO, die Klagen wurden abgewiesen, die einst prosperierende Firma verlor massenhaft Kunden und steht jetzt vor der endgültigen Pleite.

Der Analyst Ray Lyman von The 451 Group hat sich mit den Lehren aus dieser Businessstrategie beschäftigt, über Patente und Gerichte Umsatz zu machen, nachzulesen auf dem Portal „LinuxInsider“. Er bezieht sich auf drei Firmen, die in letzter Zeit heftig sich gegenseitig und andere IT-Unternehmen mit Patentklagen überzogen haben.

Microsoft war dabei noch relativ zurückhaltend, hat aber längst nicht mehr – wie früher – die Samthandschuhe an. Die Firma hat sich allerdings frühzeitig auf die Seite von SCO geschlagen und auch behauptet, Linux verletze hunderte MS-Patente. Das und die früher regelmäßigen Polemiken gegen Open Source verbauen der Firma nun den Zugang zu den Communities, die sie anzusprechen versucht. Microsoft ist für den IT-Nachwuchs vielleicht nicht gerade ein Feind, aber „out“.

Oracle verklagt Google wegen einer Implementierung von Java, das Sun Open Source gestellt hat. Das zieht juristische Unsicherheit über die Programmiersprache nach sich. Die Folge ist, dass Java seine ideale Ausgangsposition als Basis für mobile Applikationen verloren hat. Es gibt Alternativen, und Oracle treibt die Entwickler ihnen zu. Die Firma verliert eine externe Gefolgschaft.

Apple, kürzlich noch der Dominator im Smartphone-Geschäft, fällt nur eins ein, um die an Android-Systeme verlorene Position zurückzuerobern: Klagen gegen Hersteller wie Motorola, HTC oder Samsung. Wettbewerb findet also nicht mehr über Leistungsfähigkeit der Geräte, Features oder Preise statt.

Die Reaktion: Google, bisher nicht auf der Patentschiene, kauft Motorola, um mit deren reichen Patentportfolio im Nacken, Apple (auch noch Microsoft und Oracle) Paroli auf gleicher Ebene bieten zu können. Samsung versucht per Klage die Einführung des kommenden iPhone5 in Korea zu verhindern, obwohl die Firma einer der größten Apple-Zulieferer ist.

Spätestens jetzt wird klar, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Nach der Sprache des Kalten Krieges wäre jetzt „der Ernstfall“ eingetreten. Jede Attacke hat genau die gleiche Gegenattacke ausgelöst. In der Politik der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hätte das niemand überlebt. Werden es die Firmen?

Vermutlich werden sie schon überleben, meint Lyman, denn sie sind von anderer Größe und Innovationskraft als SCO damals. Aber sie werden sich immens schaden: Die Patentkriege ruinieren das Image, sie schrecken potenzielle Kunden ebenso ab wie Partner und Entwickler. Sie verunsichern und stellen die Lebensfähigkeit technischer Plattformen in Frage. Sie zerstören oft mühsam austarierte Geschäftsbeziehungen zu Partner und Lieferanten. Sie binden eine gewaltige Menge Kapital, das die Kassen von Anwaltskanzleien füllt, aber in der Folge nicht mehr für Innovation zur Verfügung steht. Sie führen zu Milliarden-schweren Investitionen, die nicht im Business-Fokus der Unternehmen liegen. Sie lenken das Management der Firmen von den eigentliche Aufgaben ab. Patente blockieren letztlich auch noch die Fantasie in den Entwicklungsabteilungen: Angst vor Klagen schürt Furcht vor Innovation.

Nicht alle dieser Punkte hat 451-Analyst Lyman so angesprochen. Aber seine Ausführungen zeigen seine Intention, nämlich, dass das bestehende Patentrecht in den USA für deren Wirtschaft letztlich schädlich ist. In den Vereinigten Staaten wird die Kritik am Patentrecht immer lauter – und in der Europäischen Union ist die Politik immer mehr bereit, auf die historisch überholte US-Patent-Linie einzuschwenken. Es ist zum Haareraufen.

 

meet and greet mit open source berlin

von: Ina Langenhorst | am: 16.09.2011 | Kommentare: 0

Das Netzwerk open source berlin, das Handlungsfeld Open Source, die Landesinitiative Projekt Zukunft und der SIBB laden am 28.September nun schon zum dritten „meet and greet“ in die Hauptstadt ein. Das Programm steht diesmal ganz unter dem Motto „Groupware“ und richtet sich insbesondere an Interessierte aus Politik und öffentlicher Verwaltung sowie IT-Anwender und Entscheider aus Unternehmen.

Darüber hinaus bietet die Veranstaltung Gelegenheit zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch mit den Netzwerkpartnern des öffentlich geförderten Netzwerkes open source berlin, Vertretern des Verbandes der Software-, Informations- und Kommunikations-Industrie in Berlin und Brandenburg (SIBB),sowie Vertretern der Landesinitiative Projekt Zukunft und des Handlungsfeldes Open Source.

Die tarent als Netzwerkpartner von open source berlin freut auf  zahlreiche Besucher in Berlin!

Weitere Informationen und das genaue Programm gibt’s hier nochmal.

Was ist toller: Web oder Hirn?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 15.09.2011 | Kommentare: 0

Es gibt ein plastisches Beispiel, um das Gehirn und seine Entwicklung zu erklären: Es besteht aus Neuronen, einer wahnsinnig hohen Zahl von „Bahnhöfen“. Anfangs, im Babystadium, sind nur die wichtigsten mit „Gleisen“ verbunden. Dann lernen wir Farben erkennen, fühlen, sprechen, gehen zur Schule, zur Uni. Immer schneller werden immer mehr Bahnhöfe angeschlossen. Ganz viele direkte Verbindungen werden eröffnet, damit es schneller geht von A nach B, nach C etc.

Aber wir rauchen, saufen, verfetten (außer mir). Die Bahnhöfe verkommen. Unseren Gehirnzellen geht es nicht anders. Zuerst macht das noch nichts, wir haben reichlich Ersatz. Doch es kommt das Alter, und jetzt verfallen viele Bahnhöfe. Züge bleiben auf der Strecke liegen oder müssen lange Umwege machen (die DB verhält sich ganz menschlich, wenn man so will). Im hohen Alter funktionieren nur noch ganz wenige Verbindungen, die notwendigsten. Und auch die fallen nach und nach aus. Entsprechend werden wir wieder wie Kleinkinder. Mit der Ausnahme, dass aus rätselhaften Gründen – eigentlich nicht lebensnotwendige – Verbindungen bestehen zu Bahnhöfen, auf denen Bruchstücke von Erinnerungen lagern.

Jetzt ist mal jemand, ein gewisser Kevin Kelly, der Gründer von „Wired Magazine“, auf die Idee gekommen, das menschliche Gehirn und das Internet zu vergleichen. Der macht laut „t3n“ folgende Rechnung auf: Niemand weiß genau, wie viele Webseiten es gibt, aber er schätzt mal so mindestens eine Billion: 1.000.000.000.000. Das menschliche Gehirn kommt auf lediglich 100 Milliarden: 100.000.000.000. Für Positivisten: Wir sind zwei Nullen weniger.

Ist das Internet folglich ein Superhirn? Ist es nicht, laut Kelly. Die Websites haben im Durchschnitt 60 Links; unsere Neuronen, die Bahnhöfe, aber 6000 Verbindungen zu anderen. Das (von Kelly unterschlagene) Nachteilige ist nur, das unsere Bahnhöfe nicht so viel Speicherkapazität haben. Wir kommen aber an das Wenige in ihnen schneller heran. Für den Rest müssen wir googeln – so lange, wie wir noch wissen, wie das geht.

Dass es im Internet mehr Wissen gibt, als in das tollste Gehirn passt, daran hat man sich ja gewöhnt, ohne gleich beleidigt zu sein. Das Blöde ist nur, dass die Zahl der Websites sich momentan jährlich verdoppelt. Sie holen uns also auch vernetzungsmäßig ein. Es ist kein Trost, dass es so natürlich nicht ewig weitergehen wird. Aber absehbar wird das Internet mehr Links aufweisen als wir Verbindungen zwischen den Neuronen eines Gehirns.

„Eines Gehirns“. Das ist die Lösung, um nicht augenblicklich in Depressionen zu fallen. Alle Websites sind Ergebnisse von Operationen meist mehrerer Gehirne. Ergo kann uns das Web nie „das Wasser reichen“. Schon gar nicht das Weißbier im Biergarten oder den Rotwein nach dem Abendessen. Um sicher zu gehen, wurde in diesem Artikel auf jeden Link verzichtet.

Tapfer waren sie, unsere Firmenläufer…

von: Nina Keller | am: | Kommentare: 0

…auch der Regen konnte sie nicht stoppen: unsere 11 Teilnehmer am Bonner Firmenlauf 2011. 5,7 km galt es am vergangen Donnerstag in der Bonner Rheinaue zu bezwingen. Die tarentler brachten die Strecke mit Leichtigkeit hinter sich und sammelten gemeinsam mit den 6250 Teilnehmern aus anderen Firmen 16498 € Spenden ein.
Herzlichen Glückwunsch an das Laufteam und vielen Dank an die Organisatoren des 5. Firmenlauf Bonn.
Bis zum nächsten Mal!

Berlin startet mit Open Data – ein wenig open, ein wenig data

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: | Kommentare: 0

Anderswo ist man weiter, vor allem in Großbritannien. Viel weiter mit der Umsetzung einer Forderung, die hierzulande noch wenig Echo in der öffentlichen Debatte gefunden hat: Open Data. Es läuft darauf hinaus, dass alle Daten mit Ausnahme der persönlichen und sicherheitsrelevanten, für deren Erhebung Bürger und Unternehmen mit ihren Steuergeldern bereits einmal bezahlt haben, frei und in offenen Formaten zugänglich und nutzbar sein sollen. Darüber, wie vor allem Behörden sich dem widersetzen, wurde unlängst hier berichtet.

Doch es tut sich wenigstens etwas. Als erstes Bundesland hat Berlin heute auf einem Open-Data-Portal 18 Datensätze veröffentlicht. Sie enthalten Informationen aus den Bereichen Bildung, Demografie, Handel und Dienstleistungen, Immigration, kommunale Services, Mikrozensus-Ergebnisse, Stadtplanung, Umwelt und Wahlen. Die stammen größtenteils vom Statistischen Landesamt. Hinzu kommen Berlin-Karten aus dem Projekt OpenStreetMap.

Das Ereignis wurde von Politikern natürlich ordentlich gefeiert als „Basis für offenes Verwaltungshandeln“ oder „wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer transparenteren Verwaltung in Deutschland“. Das Nachrichtenportal HeiseOpen berichtet allerdings auch von deutlicher Kritik: Nicht alle Datensätze stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, lassen sich also nicht weiterverwenden. Ohnehin sind die meisten Datensätze nicht maschinenlesbar und haben keine Dokumentation. Überdies verfolge die Senatsverwaltung für Stadtplanung eine eigene Initiative, die „weder open, noch data“ sei.

Immerhin: Seit einem Open Data Day im Mai dieses Jahres gibt es eine Berliner Open Data Agenda als Vorschlag für eine Richtschnur für die Freigabe öffentlicher Daten. Solange Senat und Bürgermeister der Bundeshauptstadt sich nicht ausdrücklich dahinter stellen und die Sache vorantreiben, dürften immer wieder Behörden aus der Reihe tanzen. Aber der Anfang ist gemacht. Momentan ist das wichtig für die weitere Diskussion und Vertiefung des Themas Open Data. Anderen Bundesländern und Gemeinden ist ein erstes deutsches Beispiel gegeben. Das ist lobenswert.

Die runden Geburtstage

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 13.09.2011 | Kommentare: 0

Es ist gerade Zeit der großen Jahrestage: 20 Jahre Linux (25.8.) und 30 Jahre Chaos Computer Club (12.9.). Solche Daten sind den Redaktionen (zumal im Sommerloch) eine beliebte Gelegenheit, tief in der Geschichte zu wühlen. Das war in diesen Fällen nicht anders, weswegen hier darauf verzichtet werden soll, dem Berg der Erinnerungen noch zwei hinzuzufügen. Einige Beiträge waren wirklich lesenswert. Deswegen hier ein paar Empfehlungen.

Zur Geschichte von Linux:

Sehr lesenswert und gut komprimiert ist der Rückblick von Oliver Diedrich auf HeiseOpen:

http://www.heise.de/open/artikel/Die-Geschichte-von-Linux-1329997.html

Zur Geschichte des Chaos Computer Clubs (CCC):
„Der Spiegel“ hat den CCC seit langem sehr freundlich begleitet und aus Anlass des Geburtstags gleich zwei ausführliche Beiträge veröffentlicht:

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/23185/mit_dem_hacken_davongekommen.html

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,785442,00.html

Ein paar andere, aber sehr interessante Aspekte der Geschichte beleuchtet Detlef Borchers in einem Beitrag für HeiseOpen:

http://www.heise.de/open/meldung/30-Jahre-CCC-Am-Anfang-war-das-Chaos-1340792.html

Okay, alle diese Artikel haben einen begrenzten Umfang; Studien von akademischer Ausführlichkeit sind es nicht. Sie halten die zur Lektüre notwendige Zeit in vertretbarem Rahmen. Bestens, um schnell einen Einstieg oder einen das Gedächtnis auffrischenden Überblick zu diesen Themen zu bekommen. Das reicht locker, um im Kollegenkreis mitreden zu können.

FiaSCO – Auch eine „unendliche Geschichte“ hat ein Ende

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 08.09.2011 | Kommentare: 1

So gefällt mir die Rückkehr aus dem Urlaub an den Arbeitsplatz: „Die unendliche Geschichte“ (heiseOpen) ist jetzt nun wohl doch vorbei. Leider denke ich schon. Seit fast zehn Jahren hat nicht nur mich SCO amüsiert mit immer neuen – und bizarreren, blamableren – Versuchen, nachzuweisen, das Linux von Unix abgekupfert wurde. Früh war zu erkennen, dass es nichts als ein groß angelegter Bluff war, großen IT-Firmen Millionen aus den Taschen zu ziehen.

Zu solchen Berichten habe ich gern Willy (Mink) Deville gehört: Demasiado Corazon, zu viel Mut. Das Stück ist so gut, dass man damit schon mal den Ärger vergessen konnte, dass SCO mit seinen Klagen auch Anwender überzogen hat. Vergeblich, wie sich bald zeigte. Aber die Firma hat tausende Linux-interessierte Organisationen erst einmal zurückschrecken lassen. Seit Jahren ist davon nichts mehr zu spüren. Die IT-Geschichte ist über SCO hinweggegangen. Und einer der aggressivsten Versuche, „intellectual property“ großzügig zu Kohle zu machen, ist in einem FiaSCO geendet.

Nach elfundneunzig Verfahren hat nun ein Berufungsgericht festgestellt, dass das Copyright an Unix Novell gehört. SCO könnte nur noch beim US Supreme Court Klage erheben. Der Oberste Gerichtshof dürfte diese aber kaum zur Verhandlung annehmen. Also entfallen für SCO nun die Grundlagen für die Klagen gegen IBM, Red Hat und andere. Außerdem muss die Firma gut 2,5 Millionen Dollar an Novell, heute Attachmate, zahlen.

Dazu dürfte es kaum mehr kommen. SCO hat keine nennenswerten Einnahmen mehr. Die Anwender des einst legendären SCO-Unix sind längst zu anderen Unix-Derivaten, vor allem aber zum Hauptgegner Linux gewechselt. SCO hat nichts mehr. Nicht einmal mehr Entwickler, nur noch ein paar Manager. Die werden künftig nicht einmal mehr zur Beauftragung von Anwälten für Klagen gebraucht. Game over.

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