Brutal krass geht Team OpenOffice.org e.V. zur Sache: Ein „plötzliches Ende“ drohe der Open-Source-Bürosuite: „OpenOffice darf nicht sterben!“ So beginnt ein Spendenaufruf für eins der erfolgreichsten Open-Source-Produkte, aktuell 1,5 Millionen Downloads pro Woche. Spenden sind Kernkompetenz des Vereins, der solche Kampagnen und Veranstaltungen für OpenOffice seit 2004 organisiert.
Mal nüchtern: Oracle hat OpenOffice von Sun übernommen und am 1. April dieses Jahres verkündet, keine weiteren geschäftlichen Interessen an dem Büropaket zu haben. Zugleich hat die Ellison-Company das Produkt in die Hände der Apache Software Foundation (ASF) übergeben. Es folgte die Kündigung aller rund 120 Mitarbeiter, die in Hamburg für den größten Teil der Programmierung von OpenOffice angestellt waren. Am 1. Juni standen sie alle auf der Straße. Arbeitslos, dank Oracle’s „Open-Source-Engagement“.
Seither, so der Verein, sind die einst dort angestellten Entwickler auf der Suche nach neuen Jobs, etliche haben schon andere. Jedenfalls können sie nicht mehr die Zeit aufbringen, die sie früher für die Weiterentwicklung von OpenOffice hatten. Ergebnis: Das Produkt kommt nicht mehr mit der Geschwindigkeit voran, die ihm einst ein Aufholen zu Microsoft-Office ermöglicht haben. Pressesprecher Götz Wohlberg meint, das wären jetzt 5 statt 100 km/h.
Das dürfte, so argumentiert der Verein, Auswirkungen auf die Ableger von OpenOffice haben. Die letzte Abspaltung, LibreOffice besteht zum weitaus größten Teil aus OpenOffice-Code. Nicht anders ist es bei den Varianten RedOffice aus China und BR-Office aus Brasilien und was es sonst noch so gibt. Ergo „stirbt“ laut Team-Verein mit OpenOffice die ganze Welt der Open-Source-Office-Produkte. Und das darf natürlich nicht sein.
Dies wäre allerdings schon am 1. Juni absehbar gewesen, und es verwundert zuerst, dass der Verein erst jetzt davor warnt. Dann aber erwähnt Wohlberg, dass ja einige Communities, zum Beispiel Wikipedia, in der letzten Zeit Millionen mit Spendenaufrufen eingenommen haben. Bei seiner eigenen Rechnung wird ihm schier schwindelig: OpenOffice hat weltweit geschätzte zehn Millionen Anwender. Wenn nun jeder von denen ein Prozent der Lizenzkosten, die er nicht für MS Office gezahlt hat … Und wenn dann noch die IT-Anbieter, die durch das Bestehen von OpenOffice ihr Angebot verbreitern oder weitere Software entwickeln konnten, ebenfalls über den Daumen peilen und ein Prozent … Nicht auszudenken.
Nicht auszudenken ist allerdings auch, dass ein Erfolgsprodukt wie OpenOffice so einfach stirbt. Erstens ist es weiter da, weil es eben Open Source ist. Alle können es verwenden und auf dieser Code-Basis weiterentwickeln. Es könnte für viele Open-Source-Firmen und -Dienstleister höchst interessant sein, diese verbreitete Grundlage zum Angebot spezieller Erweiterungen zu machen, die Firmen oder öffentliche Verwaltungen benötigen. Von denen gibt es Tausende. Der Verein der Hamburger OOo-Spezialisten könnte aus seinen Kreisen auch eine solche Firma aufmachen. Und tatsächlich wird in diesen Kreisen auch darüber diskutiert.
Dann gibt es einige IT-Branchengrößen, die ein außerordentliches Interesse an OpenOffice haben, geradezu darauf angewiesen sind: IBMs „Symphony“ ist im Wesentlichen nichts als OpenOffice mit einer anderen Benutzeroberfläche. Wenn die an OpenOffice kein Interesse mehr haben sollten, gäbe es nur zwei Alternativen: IBM mag Symphony nicht mehr oder LibreOffice lieber. Zweitens ist da SAP, die sich an OpenOffice herangeschmissen hat, sogar musste. Denn die Verbindung R/3-Excel ist den Walldorfern zu einseitig. Deswegen haben sie auf eine Verknüpfung mit den OpenOffice-Modulen für Text, Kalkulation und Präsentation gesetzt.
Und schließlich hat das alte OpenOffice-Team aus Hamburg sowieso nicht mehr die Kontrolle über das Produkt. Denn Oracle hat es, wie gesagt, an die ASF übergeben. Dort wird jetzt entschieden, was mit OOo passiert, in welche Richtung es entwickelt wird. Nicht in Hamburg. Das ist zwar nicht schön für die einstigen OpenOffice-Entwickler, aber gut für den Rest der Welt. Die Entwicklung mag unter der ASF-Ägide nicht mehr so schnell voranschreiten, aber OpenOffice ist eh längst kein halbfertiges Produkt mehr.
Also cool bleiben; so dramatisch, wie der Verein es darstellt, schaut es bei genauerem Hinsehen nicht aus. Dass das Wegbrechen der mächtigen Firmensponsoren Sun bzw. Oracle gute Seiten haben könnte, gesteht auch Sprecher Wohlberg ein: Eingebunden in den Strukturen von Großkonzernen habe man in den letzten Jahren zu wenig auf die Kunden gehört. Nicht nur das werde sich ändern, sondern man sei jetzt generell frei und wolle viel ändern. Selbst gegen eine Wiedervereinigung mit LibreOffice spreche nichts. Der technische Aufwand sei in ein paar Wochen zu bewältigen.
Von der Seite gesehen, könnte eine Spende doch noch ziemlich sinnvoll sein.
tarent.blog » Blog Archive » OpenOffice und LibreOffice: Totgesagte leben länger (am 24. Oktober 2011 um 11:37 Uhr)
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