Die neue digitale Kluft

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 22.12.2011 | Kommentare: 0

Breitbandversorgung dürfte in diesem Jahr einer der beliebtesten technischen Begriffe von Politikern gewesen sein. Getan hat sich gleichwohl nicht viel, egal ob drahtlos oder leitungsgebunden. Man schaue sich dazu beispielsweise einmal den Breitbandatlas des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie an. Gleich nördlich des Münchner Autobahnrings A99 können die Leute schon froh sein, wenn sie mit 2 Mbit/s ins Internet kommen. 6 Mbit/s gibt es nur in den Kleinstädten. Rauf Richtung Regensburg, in der Hallertau, wird gespottet, die gelbe Post sei schneller als E-Mail. Mitten durch Bayern ziehen sich breite Streifen krass unterversorgter Gebiete.

Aber es gibt auch Habenichtse dort, wo man flott ins Internet kann. In dem ganz proper ausschauenden Stadtteil im Südwesten Münchens, in dem ich wohne, gibt es haufenweise Haushalte, die nicht einmal einen Computer haben. Es sind vor allem alte Leute und kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund, die sich keinen PC leisten können. Letzte trifft es besonders hart; denn immer wieder verteilen Lehrer die Hausaufgaben auf CDs. In einigen Fällen habe ich helfen können, indem ich ausrangierte und zusammengebettelte Desktops verschenkt habe, ausgestattet mit Linux und Open-Source-Software. Ich möchte wetten, dass auf fast allen dieser Geräte inzwischen Windows und Spiele laufen, alles Raubkopien, ansonsten aber Open-Source-Anwendungen. Not schafft solche Verhältnisse.

So ärgerlich Windows und Raubkopien auch sind, schlimmer ist, dass PCs und Breitband-Internet offenbar nichts beitragen zu Bildung, demokratischer Teilnahme am öffentlichen Leben sowie allem, was mit Arbeit und Beruf zu tun hat. Denn was machen die Leute mit ihren Rechnern? Sie surfen, downloaden Musik und Filme, tummeln sich in nutzlosen sozialen Netzwerken wie Facebook und haben im Übrigen nicht den geringsten Schimmer von den damit verbundenen Gefahren.

Das ist „not-working“ und eröffnet eine andere Art der digitalen Kluft: fehlendes Wissen über die Möglichkeiten der digitalen Welt. Auf diese Entwicklung hat Danica Radovanovic in einem Blog der Publikation „Scientific American“ hingewiesen. Sie kommt zu diesem Schluss: „What is important to emphasize is that these digital divides, that go far beyond the pure infrastructure issues, need to become a key focus of engagement for profit and nonprofit organizations as they continue their missions to develop programs for social and digital inclusion.“

Radovanovic moniert „lack of awareness and promotion, digital illiteracy, lack of motivation, information gate keepers, human and economic factors“. Wie es dazu kommt, hat Simon Phipps, der einstige Open-Source-Chef von Sun, in seinem „Computerworld-UK“-Blog an Beispielen beschrieben: Schüler werden in der Anwendung proprietärer Software ausgebildet, statt ihnen anhand von Open Source die Vorteile der Partizipation aufzuzeigen. Erwachsene halten Computer für unergründliches High-Tech-Zeug. Immer wieder soll der Internet-Zugang reglementiert werden. Informationen der öffentlichen Verwaltungen gibt es nur gegen Bezahlung. Schutz der Privatsphäre läuft auf Geheimhaltung hinaus. Politiker ohne IT-Kenntnisse lassen sich von Wirtschaftsinteressen und Einflüsterungen der Lobbyisten leiten.

Allerdings scheint es mir nicht hinreichend, nur an diesen Punkten anzusetzen, um die neue digitale Kluft zu schließen. Es wird jedoch klar, dass Forderungen wie nach Open-Source-Software oder Open Data Ansätze sind, die weit über ihren technischen Inhalt hinausgehend eine gesellschaftliche Dimension haben.

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