Münchens Open-Source-Migration: Alle Makros umgeschrieben

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 28.02.2012 | Kommentare: 2

Kein deutsches Open-Source-Projekt ist so ausdauernd und stark angefeindet worden, wie der Abkehr der Stadt München von Microsoft. Immer wieder haben die Gegner damit argumentiert, dass die ursprünglichen Zeitpläne überschritten wurden, ergo der Stadt die Kosten um die Ohren fliegen. Besser wäre es gewesen, gleich bei Microsoft zu bleiben. Zumal die Firma einst ihren Boss Steve Ballmer persönlich einfliegen ließ, um die Stadtoberen mit besonders günstigen Konditionen auf Linie zu halten. Denn München ist weltweit die erste Millionenmetropole, die von Microsoft auf Open Source wechselt.

Aus dem Fanal schien manchen schon ein Flämmchen zu werden, denn es dauerte und dauerte in München. Dabei war es die alte Microsoft-Landschaft gewesen, in der Abteilungen und einzelne Stadtangestellte in Eigenregie unglaubliche „IT-Kreativität“ entfaltet hatten. Die Projektverantwortlichen entdeckten schon in der ersten Durchsicht 7.000 Makros, Vorlagenobjekte und Formulare (MVF), später zeigte sich, dass es sogar 21.000 davon gab. Es gab also reichlich zu entmisten.

Allein bei den Makros war das Bild schon verheerend. Davon gab es rund 900, Dublikate nicht gerechnet, größtenteils ungesteuert und undokumentiert. Ein Fünftel von ihnen ließ sich schon dadurch einsparen, dass man in Basismakros Funktionen zum personenspezifischen Vorausfüllen von Briefköpfen einführte. Jetzt gibt es noch rund 100 Makros für Fachanwendungen und 38 zentral gepflegte Web-Anwendungen, die allesamt dokumentiert sind und in einem Repository zur Verfügung stehen. Die Office-Vorlagen und -Formularen ließen sich um 40 Prozent zusammenstreichen.

Diese Arbeit ist nun abgeschlossen. Makros, Vorlagenobjekte und Formulare sind auf OpenOffice migriert. Wesentlich für diesen Erfolg war die von den Münchner Projektverantwortlichen selbst erstellt Lösung „Wollmux“. Sie ist Open Source und wird inzwischen auch in anderen deutschen Städten verwendet, die ihre Arbeitsplatzrechner auf Open-Source-Software umstellen.

München ist mit der jetzt abgeschlossenen Makro-Migration seinem Vorhaben einer Ablösung von Microsoft-Betriebssystemen und -Anwendungen einen gehörigen Schritt näher gekommen. Momentan sind 10.000 von 14.000 Desktops in der Münchner Stadtverwaltung (das reicht dann runter bis zu Kindergärten und Sozialorganisationen) auf Linux und Open-Source-Anwendungen umgestellt.

Was ist wichtiger: Open Source oder offene APIs?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 17.02.2012 | Kommentare: 0

Cloud Computing, so heißt es, wird die IT komplett umgestalten. Nichts soll bleiben von dem, was uns einst und bis heute IT-strategisch so wichtig war und ist. Auch eher zurückhaltende Zeitgenossen reden von einem „Paradigmen-Wechsel“. Jetzt scheint dieser der Open-Source-Szene eine neue Grundsatzdebatte eingebracht zu haben. Ist Open Source künftig noch so wichtig wie in den letzten zehn Jahren, oder werden offene Anwendungsprogrammier-Schnittstellen (APIs) wichtiger?

„Open APIs Are the New Open Source“, lautet eine Schlagzeile ausgerechnet in der Publikation „LinuxInsider“. Noch überraschender ist, wer sie verfasst hat: Jay Lyman, ein leitender Analyst bei 451 Research. Dort ist er Mitautor eines Blogs „Commercial Adoption of Open Source“ (CAOS) – und in dem bisher ausschließlich aufgefallen durch sehr fundierte Untersuchungen, die immer die Vorteile von Open Source hervorgehoben haben.

Nein, Lyman hat sich nicht vom Paulus zum Saulus gewandelt. „Open Source, offene Standards, Open Clouds und besonders Open Data dienen weiter als Grundlagen moderner IT-Offenheit“, schreibt er. Aber die APIs seien inzwischen ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger. Vor rund zehn Jahren sei Open-Source-Software für die Anwender gut genug geworden. Heute habe alle Software offene APIs, „und ich glaube, wir sind an einem Punkt, wo nicht-offene Software ‘offen genug’ ist“. Als Beispiel führt er die Cloud APIs der Amazon Web Services an. Die sind gut dokumentiert, deshalb einfach zu adressieren, obwohl sie nicht Open Source sind. Die AWS erfreuen sich großer Beliebtheit; die Anwender stimmen mit ihrer Nachfrage ab. Fazit: Offene APIs sind offen genug.

Lymans Artikel war kaum erschienen, da regte sich schon der zu erwartende Widerspruch. Einer der ersten war Brian Proffitt, Redakteur bei „ITWorld“ und ein alter Open-Source-Hase. Er wandte primär ein, offene APIs reduzierten im Gegensatz zu Open Source nicht die Herstellerabhängigkeit, das Vendor Lock-in. Denn über offene APIs bekommen Anwender nur Zugriff auf die Services, die ein Anbieter zu einem bestimmten Zeitpunkt offeriert. Die Services und die finanziellen Konditionen dafür können sich jederzeit ändern, ohne dass ein Anwender unproblematisch zu einem anderen Anbieter wechseln könnte. Seine IT.Struktur ist schließlich auf diese APIs ausgerichtet, was sich nicht so mal eben schnell ändern lässt.

Proffitt stellt dem entgegen: Open Source bedeutet, dass ein Anwender mit seinen Wünschen und mit seinem Engagement einen gewissen Einfluss auf die Entwickler-Community hat. Bei proprietären Cloud-Anbieter, da können die APIs noch so offen sein, haben Anwender keinen Einfluss. Bestenfalls bereichern sie, wenn sie attraktive Applikationen in eine proprietäre Cloud einstellen (Beispiel Apple), das Angebot dieses Anbieters.

Meines Erachtens zeigen sowohl die Einschätzung von Lyman wie auch der Widerspruch von Proffitt, dass weite Teile der Open-Source-Szene sich noch schwer tun mit einer Beurteilung von Cloud Computing. Open Source on premise und Open Cloud in der Wolke zielen im Grunde beide auf eins: Freiheit der Anwender statt proprietärem Lock-in. Diese Freiheit lässt sich nur durch Offenheit erzielen. Offene APIs sind dazu nicht genug.

Es reicht nicht, APIs ausführlich zu beschreiben. Das sind Dokumente, und die sind folglich immer interpretationsfähig, auch ohne bösen Willen wandelbar. Es muss also eine Referenzimplementierung geben, die unumstößliche Prinzipien beschreibt, welche auch bei zukünftigen Änderungen (aufwärtskompatibel) gelten. Dieses System lässt sich glaubhaft nur machen, wenn in den API ausschließlich offene Standards Verwendung finden. Die dürfen nicht lizenzbehaftet sein, um vor künftigen Überraschungen sicher zu sein. Das ist es, was die Open Cloud Initiative und die Initiative Deutsche Wolke wollen (mehr dazu hier und hier).

Eigentlich ist man dann schon sehr nahe dran an Open-Source-APIs. Warum nicht gleich mit Open-Source-APIs arbeiten? Eher früher als später werden die in der Cloud ein ähnlich gutes Verkaufsargument sein, wie es Open Source im On-premise-Computing war und ist.

ACTA ist noch lange nicht ad acta

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 14.02.2012 | Kommentare: 0

Wer die letzten Tage der Debatte um das „Anti-Counterfeinting Trade Agreement“ (ACTA) mitbekommen hat, wird ziemlich erstaunt sein. Polen, Tschechien, die Slowakei und Lettland ziehen ihre Unterschriften zurück, in Deutschland schiebt die zuständige Justizministerin das erst einmal auf die lange Bank und löst damit den nächsten Koalitionskrach aus. Und dann diese Demonstrationen am letzten Samstag. 30.000 sollen in Deutschland auf den Straßen gewesen sein. Wer in München dabei war, wird ohnehin leicht euphorisch. 16.000 Leute nach Polizeiangaben, gefühlt sind das mindestens 50 % mehr. Und das bei brutaler Eiseskälte.

Vor etwas mehr als einem Monat haben sie in den Chefetagen der Film- und Musikindustrie wohl kübelweise Champagner gesoffen, als ACTA unterzeichnet wurde. Das meinte jedenfalls ein junger, studentischer Demo-Teilnehmer neben mir, um fortzusetzen: Jetzt kriegen sie das Kotzen. Völlig falsch. In diesen Konzernetagen wird nicht gekotzt, da wird geklotzt. Jetzt fließen halt ein paar zig Tausend Dollar an Lobbyisten, PR- und Krisenberater. Und die haben weit mehr Einfluss als einige tausend Demonstranten.

So einfach wird das nicht, ACTA ad acta zu legen. Es reicht nicht, sich darauf zu verlassen, dass ohnehin schon die Piraten und die Grünen dagegen sind. Weite Teile der SPD auch und sogar der FDP, Zweifler selbst in der CDU/CSU. Genau da werden die Lobbyisten ansetzen. Nicht als Lobbyisten natürlich. Völliges Unwort. Sondern als Berater, ganz neutral, versteht sich.

Die Anti-ACTA-Bewegten wären schlecht beraten in der Ansicht, führend auf die Zielgerade einzulaufen. Es kommt noch viel dicker. Sie haben nämlich nichts am Hut mit dem, was man Lobbyismus nennt. Schon der Begriff gilt ihnen als igittigitt. Damit ähneln sie der Open-Source-Bewegung. Aber beide müssen langsam lernen, dass man um gezielte Maßnahmen zur Einflussnahme und Interessenvertretung in der Politik auf die Dauer nicht herum kommt.

tarent bei den Berlin Expert Days 2012

von: Ina Langenhorst | am: 09.02.2012 | Kommentare: 0

Die tarent solutions sponsert in diesem Jahr die Berlin Expert Days. Die Java-Konferenz  findet am 29. und 30.  März zum zweiten Mal auf dem Informatik- Campus der FU Berlin statt. Die technisch-orientierte Veranstaltung bietet eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und persönlichem Gespräch. Die tarent freut sich dabei zu sein und wünscht allen erfolgreiche Tage und viel Spass auf der BED Con!

Den Amis fällt der Himmel auf den Kopf

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 07.02.2012 | Kommentare: 0

Nein, diesmal fürchten sich davor nicht die Gallier, sondern „unsere transatlantischen Freunde“ (so der Sprachgebrauch unserer Bundesregierung). Es geht nicht um Asteroiden, Weltraumschrott oder die Wut des Teutates: „Macht die EU die US-Cloud-Provider schlecht, um Raum für europäische Cloud-Companies zu schaffen?“ sorgt sich ein David Linthicum in der der „Computerworld“. Der Online-Dienst gigaom.com legt gleich noch ein Pfund drauf: „Anschnallen für die nächste Welle des Cloud-Protektionismus.“ So zitiert jedenfalls die „Computerwoche“.

Die beiden Zitate legen nicht einmal nahe, dass sie nur aus der rechtskonservativen Ecke der USA kommen müssen. Die Obama-Regierung hat vor nicht ganz einem Jahr den Patriots Act um vier Jahre verlängert. Und der ist nun Auslöser der Turbulenzen. Denn dieses Gesetz, in Kraft seit 2001, besagt auch, dass Behörden bei Verdachtsmomenten auf Daten zugreifen können, die auf Servern von US-Unternehmen liegen – wozu auch im Ausland angesiedelte Tochterunternehmen gehören.

In der ganzen Tragweite ist das bekannt, seit ein Microsoft-Manager im letzten Jahr eingestand, sein Unternehmen könne nicht garantieren, dass US-Behörden die Finger von Daten europäischer Kunden in der Microsoft-Cloud ließen. Das hat damals in der altkontinentalen Presse mächtig die Runde gemacht. Der Patriot Act gilt seither als einer der wichtigsten Gründe, warum europäische Unternehmen, insbesondere aus Deutschland, eine auffallende Cloud-Zurückhaltung zeigen. Sie fürchten Industriespionage.

Nunmehr entgeht den US-Cloud-Anbietern ein Geschäft. Derweil hauen europäische Konkurrenten in die Kerbe. Es wird immer beliebter festzustellen, dass man erstens keine finanzielle Beteiligung eines US-Unternehmens habe sowie zweitens nur in deutschen oder europäischen Rechenzentren seine Cloud-Angebote bereitstelle und Daten speichere. T-Systems wirbt gar für eine „Deutsche Cloud“; Firmenchef Reinhard Clemens verspricht: „Wir agieren im europäischen Rechtsraum, und die US-Behörden können nicht einfach auf Daten unserer Kunden zugreifen.“ Das Wörtchen „einfach“ hätte er besser weglassen sollen, aber inzwischen argumentieren so eine ganze Reihe von deutschen Cloud-Anbietern. Auch in der hiesigen Open-Source-Anbieterschaft, die am Aufbau eines Open-Cloud-Angebots arbeitet, ist die Verschlossenheit vor US-amerikanischer Neugier ein wichtiges Argument.

Prompt ist aus amerikanischer Sicht die böse EU schuld. Diese, nicht etwa ein US-Gesetz, verschlechtert die Marktchancen der US-Cloud-Provider. Protektionismus? Aber sicher doch! Das Wort bedeutet ursprünglich, sich und sein Eigentum vor fremdem Zugriff abzusichern. Die Amis scheinen auch gut 40 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs einfach nicht kapieren zu können, dass ihnen die Welt nicht gehört. Wer glaubt, dass ein Gesetz wie Patriot Act patriotische Größe verleiht, darf sich nicht wundern, wenn er in der Cloud den Kopf gewaschen kriegt. Da braucht es keine Schläge von Teutates mehr.

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