Nein, diesmal fürchten sich davor nicht die Gallier, sondern „unsere transatlantischen Freunde“ (so der Sprachgebrauch unserer Bundesregierung). Es geht nicht um Asteroiden, Weltraumschrott oder die Wut des Teutates: „Macht die EU die US-Cloud-Provider schlecht, um Raum für europäische Cloud-Companies zu schaffen?“ sorgt sich ein David Linthicum in der der „Computerworld“. Der Online-Dienst gigaom.com legt gleich noch ein Pfund drauf: „Anschnallen für die nächste Welle des Cloud-Protektionismus.“ So zitiert jedenfalls die „Computerwoche“.
Die beiden Zitate legen nicht einmal nahe, dass sie nur aus der rechtskonservativen Ecke der USA kommen müssen. Die Obama-Regierung hat vor nicht ganz einem Jahr den Patriots Act um vier Jahre verlängert. Und der ist nun Auslöser der Turbulenzen. Denn dieses Gesetz, in Kraft seit 2001, besagt auch, dass Behörden bei Verdachtsmomenten auf Daten zugreifen können, die auf Servern von US-Unternehmen liegen – wozu auch im Ausland angesiedelte Tochterunternehmen gehören.
In der ganzen Tragweite ist das bekannt, seit ein Microsoft-Manager im letzten Jahr eingestand, sein Unternehmen könne nicht garantieren, dass US-Behörden die Finger von Daten europäischer Kunden in der Microsoft-Cloud ließen. Das hat damals in der altkontinentalen Presse mächtig die Runde gemacht. Der Patriot Act gilt seither als einer der wichtigsten Gründe, warum europäische Unternehmen, insbesondere aus Deutschland, eine auffallende Cloud-Zurückhaltung zeigen. Sie fürchten Industriespionage.
Nunmehr entgeht den US-Cloud-Anbietern ein Geschäft. Derweil hauen europäische Konkurrenten in die Kerbe. Es wird immer beliebter festzustellen, dass man erstens keine finanzielle Beteiligung eines US-Unternehmens habe sowie zweitens nur in deutschen oder europäischen Rechenzentren seine Cloud-Angebote bereitstelle und Daten speichere. T-Systems wirbt gar für eine „Deutsche Cloud“; Firmenchef Reinhard Clemens verspricht: „Wir agieren im europäischen Rechtsraum, und die US-Behörden können nicht einfach auf Daten unserer Kunden zugreifen.“ Das Wörtchen „einfach“ hätte er besser weglassen sollen, aber inzwischen argumentieren so eine ganze Reihe von deutschen Cloud-Anbietern. Auch in der hiesigen Open-Source-Anbieterschaft, die am Aufbau eines Open-Cloud-Angebots arbeitet, ist die Verschlossenheit vor US-amerikanischer Neugier ein wichtiges Argument.
Prompt ist aus amerikanischer Sicht die böse EU schuld. Diese, nicht etwa ein US-Gesetz, verschlechtert die Marktchancen der US-Cloud-Provider. Protektionismus? Aber sicher doch! Das Wort bedeutet ursprünglich, sich und sein Eigentum vor fremdem Zugriff abzusichern. Die Amis scheinen auch gut 40 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs einfach nicht kapieren zu können, dass ihnen die Welt nicht gehört. Wer glaubt, dass ein Gesetz wie Patriot Act patriotische Größe verleiht, darf sich nicht wundern, wenn er in der Cloud den Kopf gewaschen kriegt. Da braucht es keine Schläge von Teutates mehr.