von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 25.04.2012 | Kommentare: 0

In einem überraschenden Manöver hat Microsoft eine zu 100 Prozent beherrschte Tochtergesellschaft namens Microsoft Open Technologies Inc. (MSOT) gegründet. Die soll alle Aktivitäten der Muttergesellschaft in Sachen Open Source übernehmen. Sie besteht im Kern aus dem bisherigen Team für „Interoperability Strategy“; das sind, wie zwischenzeitlich zu erfahren war, weltweit so 50 bis 70 Personen. Auch wenn das ein Fliegenschiss auf der Payroll von Microsoft ist, handelt es sich um mehr als eine Eintagsfliege.

Der Chef der MSOT ist Jean Paoli, den nur kennt, der in internationalen Standardisierungsgremien engagiert ist. Da tummelt der sich schon lange herum, unter anderem gehört er zu denen, welche die erste XML-Spezifikation unterbreiteten. Es wundert nicht, dass Paoli in seiner Bekanntgabe des neuen Tochterunternehmens die Zusammenfassung der Microsoft-Arbeiten in Standardisierungsgremien als oberste konkrete Aufgabe benannte. Es folgte das Bekenntnis zur Mitarbeit in weiteren Open-Source-Initiativen wie der Apache Software Foundation und der von Microsoft belebten Outercurve Foundation. Die HeiseOpen-Behauptung, dass die MSOT „nichts an dem Vorgehen ändern soll, wie Microsoft bislang mit Open Source Communities … sowie Komitees für offene Standards … verfährt“, lässt sich aus dem Blog-Entry von Paoli nicht erkennen.

Bisher hat Microsoft in Richtung Open Source mit Vorliebe den Begriff „Interoperability“ verwendet. Die neue Company aber ist laut Paoli eine „Investition in Offenheit – einschließlich Interoperabilität, offene Standards und Open Source“. Das ist eine Akzentverschiebung. Vermutlich ist das für die Microsoft-internen Sprachregeln wichtiger als für den Rest der Welt. Denn man muss akzeptieren, dass in einem Unternehmen, welches von proprietären Lizenzen (fürstlich) lebt, modernere, alternative Trends auf massiven Widerstand treffen müssen. Vor allem von oben. Folglich ist diese Gründung ein Hinweis auf strategische Dissonanzen im MS-Topmanagement.

Grünes Licht zur Gründung der Tochtergesellschaft hat es wohl vor allem gegeben, weil sie es ermöglicht, einfacher und schneller Open Source-Software zu veröffentlichen und anderen Quellcode zu akzeptieren. Jedenfalls betont Paoli diese Aspekte in seiner Erklärung. Und er fügt gleich an, die Kunden hätten mit ihren heterogenen Umgebungen durch diese Brückenfunktion der neuen Firma mehr Auswahlmöglichkeiten aus der Microsoft- und der Open-Source-Welt.

Mit einer selbständigen Tochter ist Microsoft da rechtlich erst einmal aus der Schusslinie, jedenfalls aus der vordersten. Angesichts der aktuellen Patentkriege ist das nicht unwichtig. Interessant ist eher, dass Microsoft früher gern behauptet hat, Open Source verletzte Hunderte eigener Patente. Im Zweifelsfall könnte man immer noch auf Open Source schießen und dabei die Tochtergesellschaft notfalls opfern.

Auf solche Überlegungen – und noch mehr – ist auch Simon Phipps, der einstige Open-Source-Chef von Sun und heutiger Vertreter in diversen Open-Source-Gremien, in seinem Blog für die „Computerworld UK“ gekommen. Vielleicht war es ein Schnellschuss; jedenfalls hält sich der Rest der bekannten Beobachter der Szene auffallend zurück. Lasst Taten sprechen, scheint der „Oberbau“ Microsoft zu signalisieren. Der „Unterbau“ (um einmal in der 68er-Sprache zu bleiben) verlangt ebenfalls zum Beispiel in den Kommentaren auf dem Paoli-Blog ebenfalls mehr Taten, zum Beispiel Richtung WebGL. Im Übrigen ist hier die Skepsis größer, wobei immer wieder in Erinnerung gebracht wird, was Microsoft in den letzten Jahren gegen Open Source herausposaunt hat. Jetzt trifft die Gründung von Microsoft Open Technologies nicht etwa auf Zustimmung, sondern auf größte Skepsis. Geschichte hat etwas Übles und Gutes: Sie ist klebrig. IT-Anwender werden gut daran tun, die IT-Geschichte niemals aus den Augen zu verlieren, auch nicht ihre Sprücheklopfereien und Kapriolen.

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