Fast zum gleichen Zeitpunkt haben sich kürzlich Risikokapitalanleger bei zwei Open-Source-Unternehmen eingekauft. Vier Millionen Dollar bekam SkySQL in einer ersten Investitionsrunde, 30 Millionen sammelte Eucalyptus ein. Beide Fälle sind recht aufschlussreich. Denn nachdem es in den letzten Jahren einen ständigen Rückgang der Investitionen in Open-Source-Unternehmen gegeben hatte, zeigen sich in diesen Fällen durchaus Muster, die dafür sprechen, dass Investoren Open Source wieder als vorteilhaftes Geschäftsmodell ansehen.
SkySQL gibt es erst seit eineinhalb Jahren, und es ist kein Unternehmen, das Open-Source-Software herstellt. Im wesentlichen macht die Firma ihr Geschäft mit Support und Beratung für die Open-Source-Datenbank MySQL. Die gehört Oracle, und der Datenbankriese hat durch rabiate Preiserhöhungen für Support viele Anwender gegen sich aufgebracht. Die suchen nun nach Alternativen, aber eigentlich gibt es da nur eine, nämlich SkySQL. Nach einer alten Weisheit der Volkswirtschaftslehre ist neben einem Monopolisten am Markt (Oracle) immer Platz für mindestens einen zweiten Anbieter, eben SkySQL.
Deren Investoren setzen anscheinend nicht nur auf die millionenfache Verbreitung von MySQL, was allein schon eine „Business Opportunity“ ist. Risikokapital setzt auf die Zukunft. Das heißt in diesem Fall, dass Kapitalgeber meinen, Oracle werde wie auch schon im Fall OpenOffice und Java nicht den angemessenen Umgang mit Open-Source-Software lernen. Hier sagen die Geldgeber also: Erstens können proprietär aufgestellte Unternehmen nicht Open Source. Zweitens ist das ein Markt mit riesigen Perspektiven.
Parallelen dazu weist das Beispiel Eucalyptus auf. Dieser Anbieter bildet die Programmierschnittstellen des weltweit größten Cloud-Angebots Amazon Web Services (AWS) als Open Source nach. Diese lassen sich dann in der klassischen lokal vorhandenen IT-Infrastruktur (on premise) ebenso nutzen wie für Private Clouds oder eben den Zugang zur Public Cloud AWS. Das ist erstens ein durchgängiges Konzept und birgt zweitens eine Perspektive, Cloud Computing offen zu halten, nicht im Anbieter-Lock-in gefangen zu werden. Nach einigen Irrwegen in den letzten Jahren ist das Unternehmen jetzt wieder auf einen konsequenteren Open-Source-Kurs zurückgekehrt. Die Belohnung war die dritte Investitionsrunde mit 30 Millionen Dollar Einnahmen.
Es scheint also, das lehren die Beispiele Eucalyptus und SkySQL, durchaus institutionelle Investoren zu geben, denen das Vorzeichen „Open“ perspektivisch besser Marktchancen signalisiert. Hier geschieht etwas völlig anderes als in den späten 90er Jahren des letzten Jahrhundert. Jetzt wird nicht mehr jeder halbwegs plausibel klingenden, Internet-basierenden Idee hinterher gerannt.
Vielmehr haben einige Investoren wohl erkannt, dass ganz viel von dem, worauf die Anwender heutzutage setzen, sich unter dem Begriff Offenheit zusammenfassen lässt. Open Standards, Open Source, Open Cloud, Open Data, Open Innovation… Die Zukunft liegt auf der Hand. Ob allerdings die Ziele entsprechend aufgestellter Unternehmen so „open“ bleiben, ist nicht unbedingt gesagt. Die Kapitalgeber wollen nur eins: „Return on Investment“. Deren Maxime Kapitalvermehrung steht über dem der Offenheit als Business-Orientierung. Deswegen werden sehr viele Open-Source-Unternehmen vor Risikokapital zurückschrecken und – trotz der Meldungen von SkySQL und Eucalyptus – an diesem Markt weiterhin eine marginale Rolle spielen.
Auch in diesem Jahr beteiligt sich die tarent-Gruppe an der renomierten Konferenz zum Thema Identity.
Michael Kleinhenz, Mitarbeiter der tarent AG wird am Donnerstag, den 19.04.2012 um 10.30Uhr mit Allan Foster (ForgeRock) und Martin Kuppinger (KuppingerCole) an einer Session zum Thema The Role of Open Source in Today´s IAM Infrastructure teilnehmen. Während der gesamten Veranstaltung heißt die OSIAM GmbH, Tochterfirma der tarent AG und Anbieter einer Open Source Identity- and Accessmanagement Lösung, Gäste auf ihrem Stand herzlich willkommen.
Die European Identity & Cloud Conference findet zum 6. mal in München statt. Die englischsprachige Konferenz hat sich mit ihren mehr als 550 Teilnehmern aus über 20 Ländern in den vergangenen Jahren als eine der weltweit wichtigsten Events zum Thema Identity Management und IT-Sicherheit etabliert.
Wer die letzten Tage der Debatte um das „Anti-Counterfeinting Trade Agreement“ (ACTA) mitbekommen hat, wird ziemlich erstaunt sein. Polen, Tschechien, die Slowakei und Lettland ziehen ihre Unterschriften zurück, in Deutschland schiebt die zuständige Justizministerin das erst einmal auf die lange Bank und löst damit den nächsten Koalitionskrach aus. Und dann diese Demonstrationen am letzten Samstag. 30.000 sollen in Deutschland auf den Straßen gewesen sein. Wer in München dabei war, wird ohnehin leicht euphorisch. 16.000 Leute nach Polizeiangaben, gefühlt sind das mindestens 50 % mehr. Und das bei brutaler Eiseskälte.
Vor etwas mehr als einem Monat haben sie in den Chefetagen der Film- und Musikindustrie wohl kübelweise Champagner gesoffen, als ACTA unterzeichnet wurde. Das meinte jedenfalls ein junger, studentischer Demo-Teilnehmer neben mir, um fortzusetzen: Jetzt kriegen sie das Kotzen. Völlig falsch. In diesen Konzernetagen wird nicht gekotzt, da wird geklotzt. Jetzt fließen halt ein paar zig Tausend Dollar an Lobbyisten, PR- und Krisenberater. Und die haben weit mehr Einfluss als einige tausend Demonstranten.
So einfach wird das nicht, ACTA ad acta zu legen. Es reicht nicht, sich darauf zu verlassen, dass ohnehin schon die Piraten und die Grünen dagegen sind. Weite Teile der SPD auch und sogar der FDP, Zweifler selbst in der CDU/CSU. Genau da werden die Lobbyisten ansetzen. Nicht als Lobbyisten natürlich. Völliges Unwort. Sondern als Berater, ganz neutral, versteht sich.
Die Anti-ACTA-Bewegten wären schlecht beraten in der Ansicht, führend auf die Zielgerade einzulaufen. Es kommt noch viel dicker. Sie haben nämlich nichts am Hut mit dem, was man Lobbyismus nennt. Schon der Begriff gilt ihnen als igittigitt. Damit ähneln sie der Open-Source-Bewegung. Aber beide müssen langsam lernen, dass man um gezielte Maßnahmen zur Einflussnahme und Interessenvertretung in der Politik auf die Dauer nicht herum kommt.
Nein, diesmal fürchten sich davor nicht die Gallier, sondern „unsere transatlantischen Freunde“ (so der Sprachgebrauch unserer Bundesregierung). Es geht nicht um Asteroiden, Weltraumschrott oder die Wut des Teutates: „Macht die EU die US-Cloud-Provider schlecht, um Raum für europäische Cloud-Companies zu schaffen?“ sorgt sich ein David Linthicum in der der „Computerworld“. Der Online-Dienst gigaom.com legt gleich noch ein Pfund drauf: „Anschnallen für die nächste Welle des Cloud-Protektionismus.“ So zitiert jedenfalls die „Computerwoche“.
Die beiden Zitate legen nicht einmal nahe, dass sie nur aus der rechtskonservativen Ecke der USA kommen müssen. Die Obama-Regierung hat vor nicht ganz einem Jahr den Patriots Act um vier Jahre verlängert. Und der ist nun Auslöser der Turbulenzen. Denn dieses Gesetz, in Kraft seit 2001, besagt auch, dass Behörden bei Verdachtsmomenten auf Daten zugreifen können, die auf Servern von US-Unternehmen liegen – wozu auch im Ausland angesiedelte Tochterunternehmen gehören.
In der ganzen Tragweite ist das bekannt, seit ein Microsoft-Manager im letzten Jahr eingestand, sein Unternehmen könne nicht garantieren, dass US-Behörden die Finger von Daten europäischer Kunden in der Microsoft-Cloud ließen. Das hat damals in der altkontinentalen Presse mächtig die Runde gemacht. Der Patriot Act gilt seither als einer der wichtigsten Gründe, warum europäische Unternehmen, insbesondere aus Deutschland, eine auffallende Cloud-Zurückhaltung zeigen. Sie fürchten Industriespionage.
Nunmehr entgeht den US-Cloud-Anbietern ein Geschäft. Derweil hauen europäische Konkurrenten in die Kerbe. Es wird immer beliebter festzustellen, dass man erstens keine finanzielle Beteiligung eines US-Unternehmens habe sowie zweitens nur in deutschen oder europäischen Rechenzentren seine Cloud-Angebote bereitstelle und Daten speichere. T-Systems wirbt gar für eine „Deutsche Cloud“; Firmenchef Reinhard Clemens verspricht: „Wir agieren im europäischen Rechtsraum, und die US-Behörden können nicht einfach auf Daten unserer Kunden zugreifen.“ Das Wörtchen „einfach“ hätte er besser weglassen sollen, aber inzwischen argumentieren so eine ganze Reihe von deutschen Cloud-Anbietern. Auch in der hiesigen Open-Source-Anbieterschaft, die am Aufbau eines Open-Cloud-Angebots arbeitet, ist die Verschlossenheit vor US-amerikanischer Neugier ein wichtiges Argument.
Prompt ist aus amerikanischer Sicht die böse EU schuld. Diese, nicht etwa ein US-Gesetz, verschlechtert die Marktchancen der US-Cloud-Provider. Protektionismus? Aber sicher doch! Das Wort bedeutet ursprünglich, sich und sein Eigentum vor fremdem Zugriff abzusichern. Die Amis scheinen auch gut 40 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs einfach nicht kapieren zu können, dass ihnen die Welt nicht gehört. Wer glaubt, dass ein Gesetz wie Patriot Act patriotische Größe verleiht, darf sich nicht wundern, wenn er in der Cloud den Kopf gewaschen kriegt. Da braucht es keine Schläge von Teutates mehr.
Heute ist ein rabenschwarzer Tag. Nicht weil es wieder einmal einer von denen ist, an dem man zu nichts Vernünftigen kommt, weil man die ganze Zeit mit idiotischen Kleinigkeiten beschäftigt ist. Nein, heute hat die EU das ACTA-Abkommen unterzeichnet. ACTA ist das Kürzel für „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, als Handelsabkommen gegen Produktpiraterie. Aber damit hat ACTA überhaupt nichts zu tun.
ACTA ist kein Handelsabkommen, sondern ein Grundsatzabkommen zur Behandlung von allem Möglichen im Internet, über das die USA, die EU, Japan etc. unter starkem Engagement von Lobbygruppen diverser Industriebranchen seit 2007 verhandelt haben. Es geht auch nicht um gefälschte Produkte, sondern, ACTA ist da sehr ausholend, um Urheberrechte, Warenzeichen, industrielles Design und Patente. Für Vergehen sieht ACTA hohe Strafen und Kompensationen für verlorene Geschäfte vor.
Eine ganze Reihe elementarer demokratischer juristischer Prinzipien hebelt ACTA glatt aus (mehr dazu hier). Darüber hinaus wird nicht der Raubkopierer bestraft, sondern auch der, wer die Mittel zur Verbreitung von Fälschungen bereitstellt. Das bedroht vor allem Internet-Service-Provider, die ebenfalls haftbar gemacht und somit zur Internet-Zensur verpflichtet werden. ACTA ist der schwammig formulierte Rahmen für Dinge wie den US-amerikanischen Gesetzentwurf SOPA (Stop Online Piracy Act).
Die EU-Kommission hat ACTA jetzt unterzeichnet. Das bedeutet, dass als nächstes das EU-Parlament seine Zustimmung geben muss. Dann sind die nationalen Parlamente in der Europäischen Gemeinschaft dran, diese Vorgabe in ihre jeweiligen Gesetze umzusetzen. In Deutschland wird bereits erste Kritik laut, wie die „Computerwoche“ berichtet.
Das lässt dann doch wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist ACTA so schwammig formuliert, scheint sich auf alles zu beziehen. Solche Dokumente haben einen entscheidenden Nachteil: Sie bieten Interpretationsspielraum. Den können die Gesetzgeber ausnutzen. Es kursiert der Verdacht, die EU habe nach ihrem anfänglichen Engagement für ACTA nicht mehr zurückrudern können und in der Folge für Verwässerung gesorgt.
Zweitens ist das Internet so, wie es ACTA vorsieht, einfach nicht mehr einer Kontrolle zu unterwerfen. In den USA hat die ACTA-Umsetzung SOPA einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Wikipedia, Craigslist und Dutzende andere wichtige Englisch-sprachige Websites haben sich kürzlich für einen Tag einfach abgemeldet. Inzwischen liegt SOPA auf Eis.
Produktpiraterie einen Riegel vorschieben zu wollen ist völlig richtig. Es kann aber nicht angehen, dazu gleich den Zugang zum Internet, ein mit dem unpfändbaren Fernseher vergleichbares Kommunikationsmedium, zu beschneiden. Schon gar nicht sollten Politiker auf die Idee kommen, Firmen, nämlich Internet-Service-Provider, sollten ersatzweise das machen, was der Staat nicht darf: Zensur ausüben.
Offenbar macht sich bei den bisher vornehmlich proprietär aufgestellten Cloud-Anbietern die Erkenntnis breit, dass sie auf dem Holzweg sind, solange Anwender spüren, dass ihnen ein Vendor Lock-in droht. Der Cloud-Markt ist global weit von dem entfernt, was die Marktanalysten unisono prognostiziert haben, in Deutschland sogar meilenweit. Jeder weiß inzwischen, dass Cloud Computing nicht nur finanziell unschlagbar günstig ist, sondern vor allem mehr Flexibilität und Agilität bringt. Aber die Anwender sind keineswegs bereit, sich für diese Vorteile in die Abhängigkeit von Herstellern zu begeben. Die Anbieter haben es zu spüren bekommen; sie sind zunehmend bereit zu reagieren.
Zuerst war da im April 2009 ein herzlich unverbindliches „Open Cloud Manifesto“, ohne jede konkrete Ansage, wie die angestrebte Offenheit von Clouds erreicht werden soll. Entsprechend lang ist die Liste der Unterzeichner, die nach der Unterschrift wohl gleich wieder zum Tagesgeschäft wie gehabt übergegangen sind.
Zwei Jahre später, vor gerade neun Monaten, ist dann der angesehenen, aber behäbigen Standardisierungsgremium Institute of Electrical and Electronical Engineers (IEEE) der Kragen geplatzt. „Ohne ein flexibles, gemeinsames Rahmenwerk für Interoperabilität, könnte Innovation aufgehalten werden und uns ein System von Silos hinterlassen.“ Deswegen startete die Organisation eine „Cloud Computing Initiative“, die in zwei „Working Groups“ an Standards für Cloud-Portabilität und Interoperabilität arbeitet.
Das IEEE erklärte damals, es wolle „Fragmentierung minimieren und sicherstellen, dass Cloud Computing sein gesamtes Potenzial erschließt“. Offenbar macht sich auch unter den Cloud-Anbietern langsam die Erkenntnis breit, dass sie sich mit ihren bisherigen Versuchen, Anwender in ein Cloud-Vendor Lock-in zu verlocken, auf Dauer den Erfolg verbauen.
So eine Cloud-Anbieter-Gemeinschaft hat die Welt noch nicht gesehen: 3M, ASG Software (die Visionapp-Muttergesellschaft), CA Technologies, Capgemini, Cisco, Citrix, EMC, Gale Technologies, IBM, Jericho Systems, Morphlabs, NetApp, PwC, Red Hat, SAP, Software AG, Telus, Virtunomic und WS02. Die alle stehen nun hinter einer Initiative der OASIS, der Organization for the Advancement of Structured Information Standards. Unter dem Namen „Topology and Orchestration Specification for Cloud Applications, kurz Tosca, wollen sie Interoperabilitätsstandards erarbeiten, auf dessen Basis sich Cloud-Applikationen zwischen verschiedenen Providern verschieben lassen.
Nun weiß jeder IT-historisch erfahrener Beobachter, besonders ein Kenner der Unix-Geschichte, dass das mit den offenen Standards so eine Sache ist. Standards sind Papierdokumente, und man muss nicht einmal böswillig sein, um die Texte ein wenig anders zu lesen. Jeder hat anschließend das „Open“-Label auf der Software, aber keiner ist es – solange es keine Referenzimplementierung mit einsichtbarem Sourcecode gibt (deswegen ist Open Source so wichtig).
Genau mit der altbackenen Taktik könnten es die genannten Hersteller natürlich auch jetzt wieder probieren. Aber dann werden sie ihr Problem nicht lösen, weil die Anwender seit Unix-Zeiten sensibler geworden sind. Finten verfangen nicht mehr so gut. Deswegen ist eher anzunehmen, dass sie die Sache ernst angehen. Wenn sie es tun, werden es die Anwender honorieren.
Dann werden einige namhafte Anbieter wie Amazon, Google, Microsoft und Oracle, die jetzt noch nicht bei der Tosca-Initiative dabei sind, auch die Zeichen der Zeit erkennen: Vendor Lock-in hat für alle Zeit in der IT keine Zukunft mehr.
So gefällt mir die Rückkehr aus dem Urlaub an den Arbeitsplatz: „Die unendliche Geschichte“ (heiseOpen) ist jetzt nun wohl doch vorbei. Leider denke ich schon. Seit fast zehn Jahren hat nicht nur mich SCO amüsiert mit immer neuen – und bizarreren, blamableren – Versuchen, nachzuweisen, das Linux von Unix abgekupfert wurde. Früh war zu erkennen, dass es nichts als ein groß angelegter Bluff war, großen IT-Firmen Millionen aus den Taschen zu ziehen.
Zu solchen Berichten habe ich gern Willy (Mink) Deville gehört: Demasiado Corazon, zu viel Mut. Das Stück ist so gut, dass man damit schon mal den Ärger vergessen konnte, dass SCO mit seinen Klagen auch Anwender überzogen hat. Vergeblich, wie sich bald zeigte. Aber die Firma hat tausende Linux-interessierte Organisationen erst einmal zurückschrecken lassen. Seit Jahren ist davon nichts mehr zu spüren. Die IT-Geschichte ist über SCO hinweggegangen. Und einer der aggressivsten Versuche, „intellectual property“ großzügig zu Kohle zu machen, ist in einem FiaSCO geendet.
Nach elfundneunzig Verfahren hat nun ein Berufungsgericht festgestellt, dass das Copyright an Unix Novell gehört. SCO könnte nur noch beim US Supreme Court Klage erheben. Der Oberste Gerichtshof dürfte diese aber kaum zur Verhandlung annehmen. Also entfallen für SCO nun die Grundlagen für die Klagen gegen IBM, Red Hat und andere. Außerdem muss die Firma gut 2,5 Millionen Dollar an Novell, heute Attachmate, zahlen.
Dazu dürfte es kaum mehr kommen. SCO hat keine nennenswerten Einnahmen mehr. Die Anwender des einst legendären SCO-Unix sind längst zu anderen Unix-Derivaten, vor allem aber zum Hauptgegner Linux gewechselt. SCO hat nichts mehr. Nicht einmal mehr Entwickler, nur noch ein paar Manager. Die werden künftig nicht einmal mehr zur Beauftragung von Anwälten für Klagen gebraucht. Game over.
Matthew Aslett, Analyst in der Abteilung „Commercial Adoption of Open Source (CAOS) Research Service“ in „The 451 Group“, hat eine illustre Entdeckung gemacht: Ihm ist aufgefallen, dass viele Firmen, die sich zumindest einst dem Open-Source-Spektrum, dem Open-Source-Spektrum zurechneten, heute den Terminus Open Source nicht mehr an prominenter Stelle in ihrer Öffentlichkeitsarbeit verwenden, nämlich in der Einleitung ihrer Pressemitteilungen. Was steckt dahinter? Immerhin ist die Selbstdarstellung, so Aslett, „ein entscheidender Indikator, wie eine Firma wahrgenommen werden möchte“.
Aslett hatte sich in einer schnellen ersten Durchsicht 14 Unternehmen vorgenommen. Die Hälfte von ihnen hat sich zuletzt vor einem Jahr als Open-Source-Anbieter in ihrem Fachgebiet positioniert, zwei (Jaspersoft und KnowledgeTree) vermeiden schon länger diese Kategorisierung. Ein weiterer Indikator des Interesses an einer Open-Source-Positionierung ist für den Analysten ihre Bemühung um eine Aktualisierung der quelloffenen Version ihrer Hauptsoftware. Groundwork und wieder KnowledgeTree haben schon mehr als 18 Monate kein Update mehr veröffentlicht, drei weitere haben im letzten halben Jahr nichts Neues herausgegeben, drei andere seit mindestens drei Monaten.
Nach diesem Befund fasste Aslett in einer zweiten Analyse nach und nahm sich 14 weitere Firmen vor. Wieder hatten die Hälfte den Begriff Open Source in den letzten zwölf Monaten nicht mehr verwendet. Und in drei Fällen entdeckte er, dass das letzte Update der Open-Source-Version der Kernprodukte mehr als ein Jahr her ist.
Die Befunde wirken, wie die zahlreichen Leserreaktionen zeigen, irritierend. Die Kommentare bieten eine ganze Reihe von Erklärungen. Im krassesten Fall heißt die Interpretation, manche Firmen hätten ohnehin Open Source nur auf das PR-Panier gehoben, um auf einem Trend mitzureiten, sei mithin ein Marketingmittel gewesen, und sie ließen jetzt nur die Maske fallen. Andere meinen, aufgrund besserer Marktbedingungen für Open Source sei die Lizenz kein hervorhebenswertes Merkmal mehr. Das gelte insbesondere, wenn inzwischen ein nicht OS-affines oberes Management angesprochen werde. Es gehe diesen Anbietern darum, das Interesse von der kostenlosen Open-Source-Version ihrer Produkte auf die kommerzielle Variante umzulenken.
Analyst Aslett sieht es allerdings abgeklärter: „Nur weil eine Firma den Begriff Open Source nicht mehr zur Identifikation verwendet, zeigt nicht notwendigerweise an, dass sie sich von Open Source entfernt. Gleichwohl gibt die Tatsache, dass so viele dieser Anbieter den Terminus aus ihrer Selbstdarstellung gestrichen haben, einen Hinweis, dass Open Source weniger als Unterscheidungsmerkmal betrachtet wird, mit dem sie sich identifizieren.“
In den USA verschärft sich die Debatte um Sinn oder Unsinn von Softwarepatenten. Wasser auf die Mühlen der Gegner solcher Schutzrechte dürfte eine neue Studie des Rechtswissenschaftlers James Bessen von der Universität Boston sein. Er vergleicht die Patentvergabe zwischen 1996 und heute mit den daraus resultierenden Folgen.
Auffallend ist dabei, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Softwarepatente aus den Bereichen Datenverarbeitung, digitale Kommunikation, Bildanalyse und IT-Sicherheit von Firmen aus dem Softwaresektor beantragt wurde. Der Maschinenbau hat viermal mehr Softwarepatente eingereicht. Nur 24 Prozent der Startup-Firmen melden Patente an, obwohl in den USA die Zahl der gehaltenen Patente bei Investoren als wichtiges Indiz für den Wert eines Unternehmens gilt.
1996 hielt die Softwareindustrie nur 2,8 Prozent der Softwarepatente. Bis 2006 stieg dieser Anteil auf 9,8 Prozent; er ist also um den Faktor 3,5 gestiegen. Erstaunlicherweise ist ganz Ähnliches mit rechtlichen Streitereien um Patentverletzungen geschehen: Seit 1999 hat sich die Zahl der Gerichtsverfahren verdreifacht. Fazit: je mehr Patente, desto mehr Ärger.
Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass nicht nur die meisten Startups, sondern insgesamt die meisten Softwarefirmen überhaupt keine Patente beantragen. Stattdessen sind es einige Größen der IT-Branche, die massenhaft Patentschutz einfordern. Sie schaffen damit nach Ansicht von Bessen „Patent-Dickichte“, die nur noch mit großem finanziellen Aufwand zu durchblicken sind. Das können sich wiederum die kleineren Softwarehäuser nicht leisten, weshalb sie in erhöhter Gefahr sind, unwissentlich fremde Patentrechte zu verletzen. Dies hemmt wiederum innovative Potenziale. Patente schützen also nicht etwa Innovation, sondern behindert sie.
Der Jurist Bessen ist bekannt für seine patentkritische Einstellung. Bereits im Jahr 2000 hat er mit dem Wirtschaftswissenschaftler Eric Maskin, der 2007 den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt, eine kritische Studie verfasst. Darin heißt es: „In einer dynamischen Welt dürften Firmen genügend Anreize zur Innovation ohne Patente haben und Patente dürften ergänzende Innovation verhindern.“ Die Möglichkeit, für Software Patentschutz zu bekommen, sei entgegen der Theorie offenkundig kein Anreiz für Innovation. Denn die Forschungsinvestitionen der IT-Branche sind durch das Patentrecht keineswegs beflügelt worden.
Zahlreiche Open-Source-Produkte sind für Großunternehmen aus der IT-Branche unverzichtbar. Das ist die wichtigste Lehre aus aktuellen Vorgängen. Oracle interessiert sich zwar ausschließlich für Linux und (ein wenig) für MySQL. IBM aber hat umfassendere Ambitionen und scheut sich nicht, dafür tief in die Tasche zu greifen. Als Oracle das Interesse an dem mit der Übernahme von Sun erhaltenen OpenOffice verlor, weil es sich nicht so einfach zu einer Gelddruckmaschine machen ließ, sprang IBM ein, denn das Büropaket hat für Big Blue strategische Bedeutung.
Offenbar hat IBM in den letzten Wochen intensiv mit Oracle verhandelt und das Unternehmen mit sanftem Druck zu einer akzeptablen Lösung eines Problems bewegt. Oracle übergab am 1.6. OpenOffice.org (OOo) samt aller damit verbundenen Rechte an die Apache Software Foundation (ASF). Dort durchläuft dieses sehr verbreitete Produkt einen aufwändigen Evaluierungs- und Organisationsprozess (Incubator, ausführlicher hier). Mit größeren Problemen ist dabei nicht zu rechnen, so dass die Software eines Tages unter der Apache License 2 stehen wird und vielleicht den Namen Apache OpenOffce tragen wird.
Wie stark IBM in die Aktion involviert war, zeigte eine Pressemitteilung, die das Unternehmen am gleichen Tag veröffentlichte. Es versprach eine „aktive, unterstützende Rolle in der neuen OpenOffice.org“, man werde die weitere Entwicklung auch durch personelle Ressourcen unterstützen – offenbar beendet Oracle alle Entwicklungsarbeiten an OpenOffice. IBM braucht ein lebendiges OpenOffice-Projekt mit hohem Ansehen, was beides in der Oracle Zeit gelitten hat. Denn IBMs Bürosoftware-Suite Lotus Symphony basiert in weiten Teilen auf OpenOffice.
Aufschlussreich sind auch die danach erschienenen Statements führender IBM-Mitarbeiter in dieser Sache. Denen ging es vor allem darum, zu erklären, dass Apache und sein OpenOffice-Projekt trotz des Engagements von IBM unabhängig sei. Ed Brill, Director Lotus Software bei IBM, schrieb in seinem Blog: „In der Apache-Welt bewegen sich Projekte nach dem Willen von Individuen, nicht nach dem von Firmen.“ Bob Sutor, der für die Open-Source-Orientierung zuständige IBM-Vice-President, entwickelte auf seinem Blog zwar einige Ideen für die Zukunft von OpenOffice, versicherte aber, damit der Apache-Stiftung nicht hereinreden zu wollen.
Ein IBM-Mitarbeiter wird im künftigen OpenOffice-Projekt eine hervorgehobene Rolle spielen. Denn die Apache Software Foundation berief Rob Weir in das Leitungsgremium des Projekts. Weir vertritt IBM in diversen internationalen Standardisierungsgremien und spielte eine maßgebliche Rolle bei der Verabschiedung des Office-Standards Open Document Format (ODF). Jetzt betonte er, sich für „die Meritokratie des Apache-Prozesses“ stark machen zu wollen. „OpenOffice muss Vielfalt zeigen… Zu viel IBM- und/oder Oracle-Einfluss werden OO.org nicht helfen.“ Er rief IT-Unternehmen und Einzelentwickler auf, sich an der OpenOffice-Programmierung in dem Apache-Projekt zu beteiligen und beschrieb gleich detailliert die Arbeitsweise.
Wie wichtig die Apache-Stiftung das OpenOffice-Projekt nimmt, zeigt sich auch daran, dass Jim Jagielski, President der ASF, sein Mentor im Aufnahmeverfahren ist. Der brachte gleich ein weiteres Ziel der Organisation zur Sprache: Er habe bereits Kontakt zur LibreOffice-Organisation The Document Foundation aufgenommen und „hoffe, dass wir zusammenarbeiten können“. Die Schirmherrschaft von Apache nährt Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung von Open- und LibreOffice. IBMs Bob Sutor: „Ich hoffe, dass OpenOffice in Apache betrachtet wird als ein Weg, einige Stränge zusammenzubringen, die sich von der Hauptprojektlinie in den letzten Jahren getrennt haben.“
Doch die Document Foundation hat bisher verhalten reagiert. Italio Vignoli, Mitglied in ihrem Steering Committee, bekundete zwar eine generelle Gesprächsbereitschaft, zeigt sich ansonsten aber eher zurückhaltend. Zuerst müssten diverse lizenzrechtliche Probleme um LibreOffice-eigene Entwicklungen aus dem Weg geräumt werden.
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