Den Amis fällt der Himmel auf den Kopf

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 07.02.2012 | Kommentare: 0

Nein, diesmal fürchten sich davor nicht die Gallier, sondern „unsere transatlantischen Freunde“ (so der Sprachgebrauch unserer Bundesregierung). Es geht nicht um Asteroiden, Weltraumschrott oder die Wut des Teutates: „Macht die EU die US-Cloud-Provider schlecht, um Raum für europäische Cloud-Companies zu schaffen?“ sorgt sich ein David Linthicum in der der „Computerworld“. Der Online-Dienst gigaom.com legt gleich noch ein Pfund drauf: „Anschnallen für die nächste Welle des Cloud-Protektionismus.“ So zitiert jedenfalls die „Computerwoche“.

Die beiden Zitate legen nicht einmal nahe, dass sie nur aus der rechtskonservativen Ecke der USA kommen müssen. Die Obama-Regierung hat vor nicht ganz einem Jahr den Patriots Act um vier Jahre verlängert. Und der ist nun Auslöser der Turbulenzen. Denn dieses Gesetz, in Kraft seit 2001, besagt auch, dass Behörden bei Verdachtsmomenten auf Daten zugreifen können, die auf Servern von US-Unternehmen liegen – wozu auch im Ausland angesiedelte Tochterunternehmen gehören.

In der ganzen Tragweite ist das bekannt, seit ein Microsoft-Manager im letzten Jahr eingestand, sein Unternehmen könne nicht garantieren, dass US-Behörden die Finger von Daten europäischer Kunden in der Microsoft-Cloud ließen. Das hat damals in der altkontinentalen Presse mächtig die Runde gemacht. Der Patriot Act gilt seither als einer der wichtigsten Gründe, warum europäische Unternehmen, insbesondere aus Deutschland, eine auffallende Cloud-Zurückhaltung zeigen. Sie fürchten Industriespionage.

Nunmehr entgeht den US-Cloud-Anbietern ein Geschäft. Derweil hauen europäische Konkurrenten in die Kerbe. Es wird immer beliebter festzustellen, dass man erstens keine finanzielle Beteiligung eines US-Unternehmens habe sowie zweitens nur in deutschen oder europäischen Rechenzentren seine Cloud-Angebote bereitstelle und Daten speichere. T-Systems wirbt gar für eine „Deutsche Cloud“; Firmenchef Reinhard Clemens verspricht: „Wir agieren im europäischen Rechtsraum, und die US-Behörden können nicht einfach auf Daten unserer Kunden zugreifen.“ Das Wörtchen „einfach“ hätte er besser weglassen sollen, aber inzwischen argumentieren so eine ganze Reihe von deutschen Cloud-Anbietern. Auch in der hiesigen Open-Source-Anbieterschaft, die am Aufbau eines Open-Cloud-Angebots arbeitet, ist die Verschlossenheit vor US-amerikanischer Neugier ein wichtiges Argument.

Prompt ist aus amerikanischer Sicht die böse EU schuld. Diese, nicht etwa ein US-Gesetz, verschlechtert die Marktchancen der US-Cloud-Provider. Protektionismus? Aber sicher doch! Das Wort bedeutet ursprünglich, sich und sein Eigentum vor fremdem Zugriff abzusichern. Die Amis scheinen auch gut 40 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs einfach nicht kapieren zu können, dass ihnen die Welt nicht gehört. Wer glaubt, dass ein Gesetz wie Patriot Act patriotische Größe verleiht, darf sich nicht wundern, wenn er in der Cloud den Kopf gewaschen kriegt. Da braucht es keine Schläge von Teutates mehr.

Neuer Schub für Open Cloud Computing

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 26.01.2012 | Kommentare: 0

Offenbar macht sich bei den bisher vornehmlich proprietär aufgestellten Cloud-Anbietern die Erkenntnis breit, dass sie auf dem Holzweg sind, solange Anwender spüren, dass ihnen ein Vendor Lock-in droht. Der Cloud-Markt ist global weit von dem entfernt, was die Marktanalysten unisono prognostiziert haben, in Deutschland sogar meilenweit. Jeder weiß inzwischen, dass Cloud Computing nicht nur finanziell unschlagbar günstig ist, sondern vor allem mehr Flexibilität und Agilität bringt. Aber die Anwender sind keineswegs bereit, sich für diese Vorteile in die Abhängigkeit von Herstellern zu begeben. Die Anbieter haben es zu spüren bekommen; sie sind zunehmend bereit zu reagieren.

Zuerst war da im April 2009 ein herzlich unverbindliches „Open Cloud Manifesto“, ohne jede konkrete Ansage, wie die angestrebte Offenheit von Clouds erreicht werden soll. Entsprechend lang ist die Liste der Unterzeichner, die nach der Unterschrift wohl gleich wieder zum Tagesgeschäft wie gehabt übergegangen sind.

Zwei Jahre später, vor gerade neun Monaten, ist dann der angesehenen, aber behäbigen Standardisierungsgremium Institute of Electrical and Electronical Engineers (IEEE) der Kragen geplatzt. „Ohne ein flexibles, gemeinsames Rahmenwerk für Interoperabilität, könnte Innovation aufgehalten werden und uns ein System von Silos hinterlassen.“ Deswegen startete die Organisation eine „Cloud Computing Initiative“, die in zwei „Working Groups“ an Standards für Cloud-Portabilität und Interoperabilität arbeitet.

Das IEEE erklärte damals, es wolle „Fragmentierung minimieren und sicherstellen, dass Cloud Computing sein gesamtes Potenzial erschließt“. Offenbar macht sich auch unter den Cloud-Anbietern langsam die Erkenntnis breit, dass sie sich mit ihren bisherigen Versuchen, Anwender in ein Cloud-Vendor Lock-in zu verlocken, auf Dauer den Erfolg verbauen.

So eine Cloud-Anbieter-Gemeinschaft hat die Welt noch nicht gesehen: 3M, ASG Software (die Visionapp-Muttergesellschaft), CA Technologies, Capgemini, Cisco, Citrix, EMC, Gale Technologies, IBM, Jericho Systems, Morphlabs, NetApp, PwC, Red Hat, SAP, Software AG, Telus, Virtunomic und WS02. Die alle stehen nun hinter einer Initiative der OASIS, der Organization for the Advancement of Structured Information Standards. Unter dem Namen „Topology and Orchestration Specification for Cloud Applications, kurz Tosca, wollen sie Interoperabilitätsstandards erarbeiten, auf dessen Basis sich Cloud-Applikationen zwischen verschiedenen Providern verschieben lassen.

Nun weiß jeder IT-historisch erfahrener Beobachter, besonders ein Kenner der Unix-Geschichte, dass das mit den offenen Standards so eine Sache ist. Standards sind Papierdokumente, und man muss nicht einmal böswillig sein, um die Texte ein wenig anders zu lesen. Jeder hat anschließend das „Open“-Label auf der Software, aber keiner ist es – solange es keine Referenzimplementierung mit einsichtbarem Sourcecode gibt (deswegen ist Open Source so wichtig).

Genau mit der altbackenen Taktik könnten es die genannten Hersteller natürlich auch jetzt wieder probieren. Aber dann werden sie ihr Problem nicht lösen, weil die Anwender seit Unix-Zeiten sensibler geworden sind. Finten verfangen nicht mehr so gut. Deswegen ist eher anzunehmen, dass sie die Sache ernst angehen. Wenn sie es tun, werden es die Anwender honorieren.

Dann werden einige namhafte Anbieter wie Amazon, Google, Microsoft und Oracle, die jetzt noch nicht bei der Tosca-Initiative dabei sind, auch die Zeichen der Zeit erkennen: Vendor Lock-in hat für alle Zeit in der IT keine Zukunft mehr.

Die Apple-Cloud – Das Gegenteil von offen

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 28.06.2011 | Kommentare: 0

Alle Analysten sind sich einig: Die Einstellung der professionelle Anwender zum Cloud Computing haben sich in mehrfacher Hinsicht verschoben. Zum einen hat sich die anfangs verbreitete Distanz gegenüber dem neuen Konzept zum Bezug von IT-Services ins Gegenteil verkehrt. Das Publikum ist sehr an Clouds interessiert. Zum anderen haben sich die Bedenken verändert. Nicht mehr Verfügbarkeit und Sicherheit der Daten machen die Hauptsorgen aus, sondern die drohende Abhängigkeit von einem Cloud-Service-Provider, das „Vendor Lock-in“.

Eben wegen dieser Bedenken zeigen sich die Cloud-Anbieter inzwischen bemüht, technische Rahmenbedingungen für Interoperabilität ihrer Services zu schaffen. Es gibt dazu außerdem zwei IEEE-Projekte. Doch Apple scheint das nicht zu interessieren. Mit der Zensur von iPhone-Apps hat Apple Erfahrungen in Sachen Entmündigung der Anwender gewonnen, die jetzt eine neue Dimension erreicht.

Auf der Entwicklerkonferenz Anfang Juni hat Steve Jobs den Cloud-Service „iCloud“ angekündigt. Dieser wird tief in das künftige Betriebssystem „Mac OS X Lion“ integriert sein. Die wichtigste Eigenschaft wird darin bestehen, dass alle Informationen, Dokumente, Audio- und Video-Dateien automatisch über die iCloud synchronisiert werden. Egal wo und womit man arbeitet, die iCloud sorgt mittels der Apple-ID dafür, dass alle Systeme eines Anwenders, also der Mac-PC, das Notebook und das Tablet auf dem gleichen aktuellen Stand sind. Ein Time-Machine-Mechanismus wird es außerdem möglich machen, dass sich ältere Versionen einer Datei, beispielsweise ein Brief, sofort erkennen und gegebenenfalls wieder herstellen lassen.

Weil das alles mit dem Apple-typischen Komfort gehen wird, darf man davon ausgehen, dass insbesondere viele Privatanwender diesen Cloud-Service intensiv nutzen werden. Sie haben keinen Aufwand mehr, die Datenbestände auf ihren Systemen synchron zu halten. Sie sind immer auf dem aktuellen Stand, überall auf der Welt.

Doch genau darin besteht die Falle. Von Apple gibt es keinerlei Informationen, wie man seine Daten wieder aus der iCloud herausbekommen könnte. Es ist also davon auszugehen, dass man sie mühsam per Copy&Paste auf USB-Speicher bewegen muss, bevor man sie in eine andere Systemumgebung bringen kann. Das wird schon bei durchschnittlicher Privat-PC-Nutzung kaum jemand machen wollen. Die Falle schlägt zu, der Anwender ist im Vendor Lock-in gefangen. Einmal iCloud, immer Apple.

Diese Perspektive verschlechtert noch einmal die ohnehin geringen Aussichten, dass Linux und Open-Source-Applikationen auf Privat-PCs jemals eine relevante Rolle spielen könnten. Statt der Befreiung der Anwender aus der Microsoft-Gefangenschaft folgt eine noch üblere Zeit bei Apple. Es ist überaus bedauerlich, dass es keine Open Cloud gibt. Weit und breit zeichnet sich in der Open-Source-Welt nichts ab, das sich als freie und offene Alternative zu Apple’s iCloud präsentieren ließe.

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