MySQL-Support: Das Problem und seine Lösung in einem

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 19.10.2010 | Kommentare: 1

Die Datenbank MySQL ist so gut wie überall, wo überhaupt Open Source gebraucht wird. Das heißt noch lange nicht, dass alle diese Anwender professionellen Support in Anspruch nehmen. Aber für viele ist das doch unverzichtbar und noch mehr überlegen. Für all diese ist Oracle die erste Adresse – und zwar eine, die demnächst sehr teuer werden könnte. Das lässt jedenfalls eine Oracle-E-Mail an MySQL-Anwender vermuten, die Matt Asay von Ubuntu zugespielt wurde.

Es gibt noch einen guten Grund, sich als MySQL-Anwender nach Alternativen zu Oracle umzuschauen: Aus dem ursprünglichen Kernteam der Firma hinter der Datenbank, MYSQL AB, das einst mit dem Kauf durch Sun komplett dorthin gewechselt war, ist nach deren Übernahme durch Oracle niemand mehr bei dem Softwareriesen. Als letzter hat, wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, schon im Juli Kaj Arnö Oracle verlassen.

Arnö erklärte in einem Blog, er sei jetzt als „Executive Vice President“ bei der neuen Firma SkySQL AB – ein direkter Anklang an MySQL – für Marketing und Entwicklung zuständig. Das Unternehmen will Serversoftware, Support für Produktivsysteme sowie Monitoring-Tools für jede Version der MySQL-Datenbank sowie für den Fork MariaDB (dahinter steht die Firma von MySQL-Gründer Michael „Monty“ Widenius) anbieten.

Monty Widenius ist auch finanziell an SkySQL beteiligt, genau so wie der MySQL-Mitgründer David Axmark. Die haben Startkapital von den Risikofinanziers OnCorps und Open Ocean Capital eingesammelt. Das letztgenannte Unternehmen war vor Jahren schon an MySQL AB beteiligt. Auch andere Kernentwickler aus früheren Zeiten von MySQL sind bei SkySQL an Board. Die Firma rühmt sich, dass unser Kernteam mehr als 100 Jahre Erfahrung mit professionellen Dienstleistungen für MySQL-Nutzer hat“ und sie strebt offenbar eine weitere „Bündelung dieser Talente“ an.

Damit hätte das Problem der personellen Erosion des MySQL-Teams bei Oracle (mit der Konsequenz einer zweifelhaften Supportqualität bei steigenden Preisen) auch gleich eine Lösung erfahren. Das Beispiel illustriert gut, dass bei Open Source nichts verloren geht durch Firmenschicksale. Man kann Open-Source-Firmen zwar kaufen, wird aber dadurch nicht auch gleich Herr über die sie vorantreibenden Personen. Jeder der Open Source nicht richtig versteht, verliert diese Köpfe in kürzester Zeit und schafft sich eine neue Konkurrenz. MySQL-Anwender können das Produkt getrost weiter nutzen, für den Support brauchen sie Oracle nicht.

Nutzt Open-Core-Business nur Open Source aus?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 26.07.2010 | Kommentare: 0

Begonnen hat es ganz unscheinbar. Es schien eine akademische Diskussion zu sein. Hierzulande fand sie nicht statt, sondern ist unverändert auf den englischsprachigen Raum beschränkt. Anfangs schien es so, als habe Simon Phipps, der ehemalige Open-Source-Chef von Sun Microsystems, seinem Ärger einmal richtig Luft gemacht. Doch offenbar hat seine Attacke gesessen. Denn inzwischen beschäftigt das Thema höchste Open-Source-Kreise. Selbst die Open Source Initiative (OSI), zuständig für Open-Source-Definition und -Lizenzbewilligungen, ist inzwischen involviert.

Es geht um Open Core. Der Ausdruck bezeichnet ein Business-Modell, nachdem es die Grundversion eines Programms als Open Source gibt, Business-relevante Software-Erweiterungen aber Closed Source sind. Viele, vor allem US-amerikanische Firmen arbeiten mit diesem Prinzip, und es fällt auf, dass diese Anbieter allesamt von Venture-Kapital finanziert sind. Bekannte Beispiele sind SugarCRM, Alfresco oder Compiere.

Simon Phipps hat kritisiert, dass Anwender solcher Programme letztlich die so genannten Enterprise-Version verwenden. Das heißt sie arbeiten mit proprietären Software-Elementen, was bedeutet, dass sie nicht Eigentümer des Source Codes sind. Also können sie nicht im Zweifelsfall oder beim Untergang des Softwareanbieters auf eigene Rechnung an dem Programm weiterarbeiten. Sie können den Code dieser Erweiterungen nicht einsehen, dürfen ihn auch nicht verändern, geschweige denn weitergeben. All das sind eindeutige Verletzungen der Open-Source-Bestimmungen.

Gegen diese Argumentation haben sich andere Vertreter der Branche zur Wehr gesetzt. Einer der prominenteste Vertreter dieser Seite sind Marten Mikos, einst Marketing-Chef von MySQL und heute in der gleichen Rolle beim Cloud-Anbieter Eucalyptus, Larry Augustin, Chef und Großinvestor bei SugarCRM. Inzwischen haben sich in der englischsprachigen Open-Source-Szene etliche zu Wort gemeldet, die dort durchaus Ansehen haben. Und es eben so weit gekommen, dass es in der OSI Überlegungen gibt, diesem Geschäftsmodell den Garaus zu machen, indem man den Firmen die Verwendung des Begriffs Open Source untersagt.

Die Diskussion ist inzwischen so breit und vielfältig, dass nur die Skizzierung der wichtigsten Positionen hier zu umfangreich wäre. Wer die Debatte genauer verfolgen möchte, kann das glücklicherweise über einen einzigen Link machen. Denn Simon Phipps verlinkt auf seinem Blog, den ich hier zum wiederholten Male lobend erwähne, auch auf die Diskussionsbeiträge von Open-Core-Vertretern.

Oracle beweist: Open Source ist unsterblich

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 01.07.2010 | Kommentare: 0

Seit der Übernahme von Sun durch Oracle hat es immer sorgenvolle Stimmen gegeben, was nun wohl aus den Open-Source-Produkten und -Projekten werde, die Sun einst unterstützte. Mehr als ein Jahr nach dem überraschenden Coup von Oracle lässt sich eine Bilanz immer noch nicht ziehen. Unverändert sind Beobachter auf Stimmen einzelner Oracle-Manager angewiesen, die aber bisher verbreitete Befürchtungen letztlich nicht haben ausräumen können.

Aus der Sicht der Besitzer von Oracle-Aktien könnte das Unternehmen mit der Übernahme alles richtig gemacht haben. Nach Oracle-Angaben wird die Sun-Übernahme mehr zum Gesamtumsatz beitragen als die Käufe von BEA, Peoplesoft und Siebel zusammen. Aber es gibt noch andere Personen, die quasi einen Anteil an Oracle haben, nämlich jene, die Code für einst von Sun unterstützte Open-Source-Produkte beigetragen haben. Für diese Leute sieht es nicht so schön aus, was Oracle macht.

In der jüngsten Ausgabe des hauseigenen „Oracle Magazine“ hat sich der Chief Corporate Architect Edward Screven soeben über „the importance of open source and open standards“ interviewen lassen. Dabei geht er auf die von Sun übernommenen Open-Source-Produkte MySQL, Java und OpenOffice ein.

MySQL solle erstens in Sachen Features, Durchsatz und Qualität ein besseres Produkt werden, zweitens besseren Support erhalten und drittens besser mit anderen Oracle-Produkten verknüpft werden. Unverändert fehlt jedoch eine Angabe, wie Oracle das preislich attraktive Open-Source-Produkt in Relation zur Hausdatenbank am Markt positioniert. Ferner laufen die Aussagen zum dritten Aspekt der Integration darauf hinaus, dass in mancherlei Hinsicht nicht MySQL verbessert wird, sondern die Anwender Verbesserungen nur dann erleben werden, wenn sie andere Oracle-Produkte kaufen.

Es fällt auf, dass Screven nichts darüber sagt, wie Oracle die Entwicklung von MySQL gestalten möchte. Die Datenbank wurde seit frühen Entstehungszeiten ausschließlich von der Firma MySQL entwickelt. Die Rolle der „Community“ beschränkte sich auf eine ziemlich passive Anwenderrolle, nämlich auf Fehlersuche, Verbesserung der Dokumentation und Anregungen für die weitere Entwicklung. Wird das unter Oracle-Ägide so weiter gehen? Welches Motiv sollten die Anwender haben, mit ihrer Beteiligung die Profite von Oracle zu mehren, wenn sie nicht belohnt werden? Oracle bleibt die Antworten schuldig.

Java war nach Äußerungen von Oracle ein Hauptmotiv der Sun-Übernahme. Das Unternehmen hebt immer wieder die strategische Bedeutung der Programmiersprache hervor. Aber wie steht es um sie, wenn ihr Erfinder, James Gosling, das Handtuch wirft und bei Oracle kündigt? Seine Aussage zu dem Vorgang: „Warum ich gegangen bin, ist schwer zu sagen: So ziemlich alles, was ich dazu akkurat und ehrlich sagen könnte, würde mehr Schaden als Gutes bewirken.“ Was immer da vorgefallen ist, dieser Abgang und diese Aussage hinterlassen ein mulmiges Gefühl.

OpenOffice kommt in Oracle-Statements herzlich wenig vor. Die Bürosuite nimmt sich selbst in Oracle’s Gemischtwarenladen an wie ein Fremdkörper, es passt zu nichts rechts und links. Deswegen bildet sie bei Oracle auch eine selbständige Global Business Unit, mit eigenem Entwicklungs- und Verkaufsteam, mit eigenständiger Organisation. Deswegen hat mein Kollege Glyn Moody vorausgesagt, Open Office werde „wahrscheinlich weitestgehend vom Oracle-Topmanagement ignoriert“. Ich bin nicht sicher, ob ich das für eher besser oder eher schlechter halten soll.

Glyn Moody findet es übrigens besonders bemerkenswert, dass Oracle-Manager Screven in einem Beitrag über die Wichtigkeit von Open Source und Offenen Standards nicht auf OpenSolaris eingeht. In meinen Augen ist das ein klares Zeichen, dass Oracle mit dem Sun-Betriebssystem auch nach mehr als einem Jahr nicht recht etwas anzufangen weiß. Dabei wäre die nächstliegende Idee, endlich die erfolglose Red-Hat-Kopie „Unbreakable Linux“ aufzugeben und durch OpenSolaris zu ersetzen.

Oracle ist aber keine Betriebssystem-Company und bräuchte die erfahrenen „Deckhands“ aus Sun-Zeiten. Von denen sind aber etliche von Bord gegangen und haben anderswo angeheuert. Einer von ihnen ist besonders interessant und zeigt den Weg an: Simon Phipps, einst unter Kapitän Jonathan Schwartz der Sun-Steuermann in Open-Source-Gewässern. Heute ist er (hier sein fabelhafter „Webmink“-Blog) der Chefstratege des norwegischen Open-Source-Unternehmens ForgeRock.

ForgeRock hat zum Einstand gleich einmal eine lehrreiche Aktion hingelegt: Es veröffentlichte das Produkt OpenAM, das ein kaum überarbeiteter Fork des Open-Source-Produkts OpenSSO von Sun ist. Kurz zuvor hatte Oracle von seinen Websites die Download-Möglichkeit für diese Single-Sign-on-Lösung beseitigt. Dabei war OpenSSO unter Sun-Aufsicht noch gedacht als Kern eines umfassenderen Open-Source-Pakets für Authentifizierung und Rechteverwaltung. Genau diese Ausbaupläne verfolgt nun ForgeRock weiter.

Dies ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass Open-Source-Produkte – anders als bei proprietären Lösungen – nicht einfach in Folge einer Firmenübernahme verschwinden, weil der neue Besitzer ihren Wert nicht erkennt oder sie ihm nicht ins Konzept passen. Für MySQL stünde der Nachfolger Maria DB schon bereit. Für Anwender ist es beruhigend zu wissen, dass Open-Source-Software auch dann unsterblich ist, wenn sie selbst mit dem Sourcecode nichts anzufangen wissen.

Die Open-Source-Community reagiert schnell, wenn ein Produkt in Gefahr ist, das viel versprechend angelegt ist, verbreitet ist und/oder benötigt wird. Sie agiert sogar prophylaktisch. Beispiele sind Adempiere, als das ERP- und CRM-Projekt Compiere ins Schlingern kam, oder Icinga, als es bei Nagios nicht mehr recht weiter ging.

Oracle scheint kein Verständnis für Open-Source-Entwickler- und Anwender-Communities zu haben. Und das könnte für den Softwaregiganten fatal enden. Wenn es dem Unternehmen nicht gelingt, Communities um seine Open-Source-Produkte zu bilden und an sie zu binden, wird es mit diesen Lösungen bald alleine stehen. Communities sind schneller ruiniert als aufgebaut. Ohne sie gibt es die Open-Source-Produkte nicht mehr, wohl aber Forks, Ableitungen von den alten Code-Grundlagen. Daraus muss Oracle kluge Lehren ziehen – nicht die Anwender.

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