OpenOffice und LibreOffice: Totgesagte leben länger

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 24.10.2011 | Kommentare: 0

Sehr heftig haben mehrere Open-Source-Initiativen der Behauptung des Vereins Team OpenOffice (wie hier berichtet) widersprochen, OpenOffice stehe vor dem Aus und das werde sich auf abgeleitete Programme negativ auswirken.

Die Apache Software Foundation (ASF) nannte den Verein nicht beim Namen, machte ihn aber gründlich rund. Sie erklärte zunächst einmal die Hintergründe. Die ASF hat Quellcode und Markenrechte an OpenOffice am 1. Juni dieses Jahres von Oracle erhalten. Seither befindet sich das Produkt in der so genannten Inkubationsphase. Die steht unter Aufsicht eines Podling Projekt Management Committee (PPMC), das ein Produkt in dieser Zeit analysiert und die späteren Entwicklungslinien festlegt. Das Apache-Projekt OpenOffice hat momentan 70 Entwickler (Committer), das sind zehn Mal mehr als in anderen Apache-Projekten. Mit anderen Worten: Der Prozess ist zwar langatmig, aber er läuft im Prinzip ganz gut.

Entsprechend betont die ASF: „Apache OpenOffice.org is not at risk.“ Sie rügt den Hamburger Verein, ohne ihn beim Namen zu nennen, als „ehemalige Mitarbeiter am einstigen OpenOffice-Produkt“, die jetzt „destruktive Erklärungen“ verbreiten. Die Gruppe kriegt gleich noch einen verpasst: Sie sei nicht autorisiert, eine Spendensammlung für OpenOffice.org zu veranstalten („they are barred from doing so“). Derlei sei eine Verletzung der Apache-Markenrechte an dem Produkt und nicht, wie notwendig, von der ASF authorisiert.

Auch The Document Foundation hat reagiert und die Darstellung des Vereins zurückgewiesen, OpenOffice-Ableger wie LibreOffice würden künftig nicht mehr so zügig entwickelt werden. Florian Effenberger erklärte gegenüber dem Autor: „LibreOffice wird aktiv weiterentwickelt. Wir halten uns an unseren Release-Plan, pflegen zwei Versionszweige (3.3 und 3.4), beheben Fehler, implementieren neue Funktionen und haben auf der LibreOffice-Konferenz jüngst Ports für iOS, Android sowie eine Browser-basierende Version angekündigt. Auch eine Sicherheitslücke wurde erst vor Kurzem geschlossen.“

An LibreOffice arbeiten, so der Stand zum einjährigen Bestehen der TDF Ende September 2011, sogar mehr Leute als im Apache Projekt. Es sind 270 Entwickler und noch einmal so viele für die Anpassung an lokale Sprachen. „Das zeigt deutlich, dass LibreOffice dank vieler Entwickler und Unterstützung zahlreicher Firmen aktiv weiterentwickelt wird“, erklärt Effenberger. „Wir haben mit der TDF binnen eines Jahres genau das geschafft, was uns so wichtig war: die Unabhängigkeit von einem einzelnen Sponsor.“

Es gibt in der ASF-Erklärung einen Vorwurf Richtung TDF, womöglich hinter den Desinformationen zu stecken. Effenberger nimmt derlei gelassen und stellt vielmehr fest, es habe „von Anfang an einen sehr guten und offenen Kontakt“ zur ASF gegeben. „Apache-Vertreter posten mitunter auf unseren Listen, und wir schreiben manchmal auf deren Listen.“ Im Übrigen hat auch die ASF in ihrem Statement der Document Foundation zum einjährigen Bestehen gratuliert und der LibreOffice-Community viel Erfolg gewünscht. Eine vom Team OpenOffice ins Spiel gebrachte Wiedervereinigung mag zwar technisch möglich sein, vorher aber wären Lizenzprobleme zu lösen.

Von IBM gibt es keine offizielle Stellungnahme zu den zwischenzeitlich aufgetauchten Spekulationen, die Firma könnte kein Interesse mehr an dem auf OpenOffice basierenden „Symphony“ haben oder auf die Code-Basis von LibreOffice wechseln wollen. Allerdings reagierte ein IBMer, Mitglied im AFS-Open-Office-PPMC, unter dem Kürzel „dpharbison“ mit einem Kommentar zu einem solchen „ITworld“-Bericht. Seine Firma werde das Produkt, das es ohnehin zum kostenlosen Download im Internet gibt, nicht verkaufen, sondern demnächst mehr als drei Millionen Programmierzeilen aus der Symphony-Entwicklung als Open Source freigeben. Außerdem habe IBM etliche aus dem Pekinger Symphony-Entwicklungsteam auf das Apache-Projekt abgestellt und einige Entwickler aus der aufgelösten Hamburger Entwicklungsfirma von OpenOffice eingestellt. IBM werde sich OpenOffice einige Millionen Dollar kosten lassen.

Sorgen machen wegen OpenOffice? Wieso?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 17.10.2011 | Kommentare: 1

Brutal krass geht Team OpenOffice.org e.V. zur Sache: Ein „plötzliches Ende“ drohe der Open-Source-Bürosuite: „OpenOffice darf nicht sterben!“ So beginnt ein Spendenaufruf für eins der erfolgreichsten Open-Source-Produkte, aktuell 1,5 Millionen Downloads pro Woche. Spenden sind Kernkompetenz des Vereins, der solche Kampagnen und Veranstaltungen für OpenOffice seit 2004 organisiert.

Mal nüchtern: Oracle hat OpenOffice von Sun übernommen und am 1. April dieses Jahres verkündet, keine weiteren geschäftlichen Interessen an dem Büropaket zu haben. Zugleich hat die Ellison-Company das Produkt in die Hände der Apache Software Foundation (ASF) übergeben. Es folgte die Kündigung aller rund 120 Mitarbeiter, die in Hamburg für den größten Teil der Programmierung von OpenOffice angestellt waren. Am 1. Juni standen sie alle auf der Straße. Arbeitslos, dank Oracle’s „Open-Source-Engagement“.

Seither, so der Verein, sind die einst dort angestellten Entwickler auf der Suche nach neuen Jobs, etliche haben schon andere. Jedenfalls können sie nicht mehr die Zeit aufbringen, die sie früher für die Weiterentwicklung von OpenOffice hatten. Ergebnis: Das Produkt kommt nicht mehr mit der Geschwindigkeit voran, die ihm einst ein Aufholen zu Microsoft-Office ermöglicht haben.  Pressesprecher Götz Wohlberg meint, das wären jetzt 5 statt 100 km/h.

Das dürfte, so argumentiert der Verein, Auswirkungen auf die Ableger von OpenOffice haben. Die letzte Abspaltung, LibreOffice besteht zum weitaus größten Teil aus OpenOffice-Code. Nicht anders ist es bei den Varianten RedOffice aus China und BR-Office aus Brasilien und was es sonst noch so gibt. Ergo „stirbt“ laut Team-Verein mit OpenOffice die ganze Welt der Open-Source-Office-Produkte. Und das darf natürlich nicht sein.

Dies wäre allerdings schon am 1. Juni absehbar gewesen, und es verwundert zuerst, dass der Verein erst jetzt davor warnt. Dann aber erwähnt Wohlberg, dass ja einige Communities, zum Beispiel Wikipedia, in der letzten Zeit Millionen mit Spendenaufrufen eingenommen haben. Bei seiner eigenen Rechnung wird ihm schier schwindelig: OpenOffice hat weltweit geschätzte zehn Millionen Anwender. Wenn nun jeder von denen ein Prozent der Lizenzkosten, die er nicht für MS Office gezahlt hat … Und wenn dann noch die IT-Anbieter, die durch das Bestehen von OpenOffice ihr Angebot verbreitern oder weitere Software entwickeln konnten, ebenfalls über den Daumen peilen und ein Prozent … Nicht auszudenken.

Nicht auszudenken ist allerdings auch, dass ein Erfolgsprodukt wie OpenOffice so einfach stirbt. Erstens ist es weiter da, weil es eben Open Source ist. Alle können es verwenden und auf dieser Code-Basis weiterentwickeln. Es könnte für viele Open-Source-Firmen und -Dienstleister höchst interessant sein, diese verbreitete Grundlage zum Angebot spezieller Erweiterungen zu machen, die Firmen oder öffentliche Verwaltungen benötigen. Von denen gibt es Tausende. Der Verein der Hamburger OOo-Spezialisten könnte aus seinen Kreisen auch eine solche Firma aufmachen. Und tatsächlich wird in diesen Kreisen auch darüber diskutiert.

Dann gibt es einige IT-Branchengrößen, die ein außerordentliches Interesse an OpenOffice haben, geradezu darauf angewiesen sind: IBMs „Symphony“ ist im Wesentlichen nichts als OpenOffice mit einer anderen Benutzeroberfläche. Wenn die an OpenOffice kein Interesse mehr haben sollten, gäbe es nur zwei Alternativen: IBM mag Symphony nicht mehr oder LibreOffice lieber. Zweitens ist da SAP, die sich an OpenOffice herangeschmissen hat, sogar musste. Denn die Verbindung R/3-Excel ist den Walldorfern zu einseitig. Deswegen haben sie auf eine Verknüpfung mit den OpenOffice-Modulen für Text, Kalkulation und Präsentation gesetzt.

Und schließlich hat das alte OpenOffice-Team aus Hamburg sowieso nicht mehr die Kontrolle über das Produkt. Denn Oracle hat es, wie gesagt, an die ASF übergeben. Dort wird jetzt entschieden, was mit OOo passiert, in welche Richtung es entwickelt wird. Nicht in Hamburg. Das ist zwar nicht schön für die einstigen OpenOffice-Entwickler, aber gut für den Rest der Welt. Die Entwicklung mag unter der ASF-Ägide nicht mehr so schnell voranschreiten, aber OpenOffice ist eh längst kein halbfertiges Produkt mehr.

Also cool bleiben; so dramatisch, wie der Verein es darstellt, schaut es bei genauerem Hinsehen nicht aus. Dass das Wegbrechen der mächtigen Firmensponsoren Sun bzw. Oracle gute Seiten haben könnte, gesteht auch Sprecher Wohlberg ein: Eingebunden in den Strukturen von Großkonzernen habe man in den letzten Jahren zu wenig auf die Kunden gehört. Nicht nur das werde sich ändern, sondern man sei jetzt generell frei und wolle viel ändern. Selbst gegen eine Wiedervereinigung mit LibreOffice spreche nichts. Der technische Aufwand sei in ein paar Wochen zu bewältigen.

Von der Seite gesehen, könnte eine Spende doch noch ziemlich sinnvoll sein.

Zehn Jahre OpenOffice – und wie viele noch mehr?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 20.10.2010 | Kommentare: 0

Vor wenigen Tagen ist OpenOffice zehn Jahre alt geworden. Am 16. Oktober 2000 hat sich das Projekt konstituiert. Jetzt ist der runde Geburtstag eines der erfolgreichsten Projekte der Open-Source-Geschichte fast untergegangen im Streit um die Zukunft der einzigen ernsthaften Alternative zu Microsoft Office.

OpenOffice-Besitzer Oracle hat zum Geburtstag das Produkt als strategisch dargestellt und die Entschlossenheit bekräftigt, es fortzuführen – von Kompromissbereitschaft keine Spur. Die Abspaltung „The Document Foundation“, sie arbeitet am OpenOffice-Fork LibreOffice, gedachte ebenfalls des Jahrestags – und wohl auch enttäuscht daran, dass Oracle die Namensrechte an OpenOffice nicht herausrücken will. Weder Oracle noch die Document Foundation erwähnten einander in ihren Erklärungen zum Geburtstag. Die Trennung ist also perfekt.

Forking ist nicht generell schlecht; im Fall MySQL macht Oracle gerade ungute Erfahrungen, wie hier gestern berichtet wurde. Bei Open/LibreOffice ist die Lage etwas anders. Auf der einen Seite schwimmt Oracle, weil größtenteils jene Community abgesprungen ist, die Sprachanpassung und Marketing für OpenOffice gemacht hat. Diese Gruppe steht aber in der Document Foundation, was die Entwicklungsarbeiten an LibreOffice angeht, ziemlich allein da. Die personellen Zusagen von RedHat, Novell (selbst ein Übernahmekandidat) und Ubuntu (eigentlich nur eine allgemeine Zusage der Unterstützung) sind noch kein solider Boden.

Bisher ist die Document Foundation ohnehin vor allem mit dem Aufbau einer Web-Infrastruktur beschäftigt. Es nimmt nicht Wunder, dass die Anwender von und die Interessenten an OpenOffice verunsichert sind. Das ist für eine Open-Source-Bürosuite, egal welchen Titels, nicht gut. Schon gar nicht in Zeiten, zu denen der potenziell größte professionelle Anwenderkreis, die öffentlichen Verwaltungen, Konjunkturfördermittel ziemlich freihändig vergeben dürfen. Unsicherheit spielt Microsoft in die Hände.

Ausgerechnet Microsoft aber hat just zum zehnten OpenOffice-Geburtstag der Konkurrenz einen riesigen Gefallen getan. 90+ Prozent Marktanteil von MS Office müssen sich doch toppen lassen, dachte sich wohl ein Abteilungsleiter in Redmond mit Blick auf seinen Jahresbonus, der selbst bei einer Pleitebank höher ausgefallen wäre. Also ging ein Video in Auftrag, das OpenOffice sehr schlecht aussehen lässt.

Das aber hat Matt Asay, den COO von Ubuntu, schier in Verzückung versetzt. Denn nicht nur Asay erinnert das Video an Microsofts Kampagne „Get the Facts“ gegen Linux vor einigen Jahren. Den Titel dieser Kampagne haben etliche IT-Verantwortliche damals wörtlich genommen. Hatten sie bisher Linux nur vom Hörensagen gekannt, so interessierten sie sich nun stärker für die Alternative zu Windows und Unix. Asay ist der Ansicht, die Microsoft Kampagne Get the Facts habe den Aufschwung von Linux deutlich beschleunigt.

Prompt freut er sich nun, Microsoft könnte – eine historische Analogie – mit dem Video das Interesse an OpenOffice befördern. Das ist allerdings fraglich. Denn das Interesse wäre diesmal nicht auf eine solide Betriebssystementwicklung wie damals Linux gerichtet, sondern auf Querelen zwischen OpenOffice und LibreOffice. Kein gutes Argument für Open Source.

Im Übrigen wundert sich Asay selbst, warum Microsoft sich nicht Google Docs zur Brust genommen hat. Denn dieses Angebot dürfte nach seiner Einschätzung der künftige Hauptkonkurrent von MS Office sein. Das Google-Angebot ist nicht auf die Nutzung auf klassischen Desktops ausgerichtet, sondern auf die nächste Generation, auf mobile Devices wie Smartphones und Tablets und den Bezug der Applikationen als Software-as-a-Service aus dem Internet, aus der Cloud. Da liegt die eigentliche Gefahr für Microsofts profitables Desktop- und Office-Imperium.

Solothurn stoppt Linux-Migration – Hinweis auf Hintergrundinfos

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 17.09.2010 | Kommentare: 0

Nach neun Jahren heftiger Auseinandersetzungen hat der Schweizer Kanton Solothrun ein Projekt zur Migration von Desktops seiner Verwaltung auf Open Source gestoppt. Stattdessen wird nun Windows 7 eingeführt und Outlook statt Scalix zum Goupware- und Mail-Client. Bei OpenOffice soll es bleiben. Der Vorgang hat in Internetforen heftige Diskussionen und allerhand Polemiken ausgelöst. Manche Autoren versteigen sich gar zur These, das Projektende belege die Untauglichkeit von Open Source.

Der Diskussion täte etwas mehr Wissen ganz gut. Sehr zu empfehlen ist ein informativer Artikel über die Hintergründe des Projekts, den Andrea Müller für HeiseOpen geschrieben hat. Lesenswert sind ferner ein Leserkommentar zu diesem Beitrag sowie ein weiterer Kommentar zur ursprünglichen Nachricht.

Oracle beweist: Open Source ist unsterblich

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 01.07.2010 | Kommentare: 0

Seit der Übernahme von Sun durch Oracle hat es immer sorgenvolle Stimmen gegeben, was nun wohl aus den Open-Source-Produkten und -Projekten werde, die Sun einst unterstützte. Mehr als ein Jahr nach dem überraschenden Coup von Oracle lässt sich eine Bilanz immer noch nicht ziehen. Unverändert sind Beobachter auf Stimmen einzelner Oracle-Manager angewiesen, die aber bisher verbreitete Befürchtungen letztlich nicht haben ausräumen können.

Aus der Sicht der Besitzer von Oracle-Aktien könnte das Unternehmen mit der Übernahme alles richtig gemacht haben. Nach Oracle-Angaben wird die Sun-Übernahme mehr zum Gesamtumsatz beitragen als die Käufe von BEA, Peoplesoft und Siebel zusammen. Aber es gibt noch andere Personen, die quasi einen Anteil an Oracle haben, nämlich jene, die Code für einst von Sun unterstützte Open-Source-Produkte beigetragen haben. Für diese Leute sieht es nicht so schön aus, was Oracle macht.

In der jüngsten Ausgabe des hauseigenen „Oracle Magazine“ hat sich der Chief Corporate Architect Edward Screven soeben über „the importance of open source and open standards“ interviewen lassen. Dabei geht er auf die von Sun übernommenen Open-Source-Produkte MySQL, Java und OpenOffice ein.

MySQL solle erstens in Sachen Features, Durchsatz und Qualität ein besseres Produkt werden, zweitens besseren Support erhalten und drittens besser mit anderen Oracle-Produkten verknüpft werden. Unverändert fehlt jedoch eine Angabe, wie Oracle das preislich attraktive Open-Source-Produkt in Relation zur Hausdatenbank am Markt positioniert. Ferner laufen die Aussagen zum dritten Aspekt der Integration darauf hinaus, dass in mancherlei Hinsicht nicht MySQL verbessert wird, sondern die Anwender Verbesserungen nur dann erleben werden, wenn sie andere Oracle-Produkte kaufen.

Es fällt auf, dass Screven nichts darüber sagt, wie Oracle die Entwicklung von MySQL gestalten möchte. Die Datenbank wurde seit frühen Entstehungszeiten ausschließlich von der Firma MySQL entwickelt. Die Rolle der „Community“ beschränkte sich auf eine ziemlich passive Anwenderrolle, nämlich auf Fehlersuche, Verbesserung der Dokumentation und Anregungen für die weitere Entwicklung. Wird das unter Oracle-Ägide so weiter gehen? Welches Motiv sollten die Anwender haben, mit ihrer Beteiligung die Profite von Oracle zu mehren, wenn sie nicht belohnt werden? Oracle bleibt die Antworten schuldig.

Java war nach Äußerungen von Oracle ein Hauptmotiv der Sun-Übernahme. Das Unternehmen hebt immer wieder die strategische Bedeutung der Programmiersprache hervor. Aber wie steht es um sie, wenn ihr Erfinder, James Gosling, das Handtuch wirft und bei Oracle kündigt? Seine Aussage zu dem Vorgang: „Warum ich gegangen bin, ist schwer zu sagen: So ziemlich alles, was ich dazu akkurat und ehrlich sagen könnte, würde mehr Schaden als Gutes bewirken.“ Was immer da vorgefallen ist, dieser Abgang und diese Aussage hinterlassen ein mulmiges Gefühl.

OpenOffice kommt in Oracle-Statements herzlich wenig vor. Die Bürosuite nimmt sich selbst in Oracle’s Gemischtwarenladen an wie ein Fremdkörper, es passt zu nichts rechts und links. Deswegen bildet sie bei Oracle auch eine selbständige Global Business Unit, mit eigenem Entwicklungs- und Verkaufsteam, mit eigenständiger Organisation. Deswegen hat mein Kollege Glyn Moody vorausgesagt, Open Office werde „wahrscheinlich weitestgehend vom Oracle-Topmanagement ignoriert“. Ich bin nicht sicher, ob ich das für eher besser oder eher schlechter halten soll.

Glyn Moody findet es übrigens besonders bemerkenswert, dass Oracle-Manager Screven in einem Beitrag über die Wichtigkeit von Open Source und Offenen Standards nicht auf OpenSolaris eingeht. In meinen Augen ist das ein klares Zeichen, dass Oracle mit dem Sun-Betriebssystem auch nach mehr als einem Jahr nicht recht etwas anzufangen weiß. Dabei wäre die nächstliegende Idee, endlich die erfolglose Red-Hat-Kopie „Unbreakable Linux“ aufzugeben und durch OpenSolaris zu ersetzen.

Oracle ist aber keine Betriebssystem-Company und bräuchte die erfahrenen „Deckhands“ aus Sun-Zeiten. Von denen sind aber etliche von Bord gegangen und haben anderswo angeheuert. Einer von ihnen ist besonders interessant und zeigt den Weg an: Simon Phipps, einst unter Kapitän Jonathan Schwartz der Sun-Steuermann in Open-Source-Gewässern. Heute ist er (hier sein fabelhafter „Webmink“-Blog) der Chefstratege des norwegischen Open-Source-Unternehmens ForgeRock.

ForgeRock hat zum Einstand gleich einmal eine lehrreiche Aktion hingelegt: Es veröffentlichte das Produkt OpenAM, das ein kaum überarbeiteter Fork des Open-Source-Produkts OpenSSO von Sun ist. Kurz zuvor hatte Oracle von seinen Websites die Download-Möglichkeit für diese Single-Sign-on-Lösung beseitigt. Dabei war OpenSSO unter Sun-Aufsicht noch gedacht als Kern eines umfassenderen Open-Source-Pakets für Authentifizierung und Rechteverwaltung. Genau diese Ausbaupläne verfolgt nun ForgeRock weiter.

Dies ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass Open-Source-Produkte – anders als bei proprietären Lösungen – nicht einfach in Folge einer Firmenübernahme verschwinden, weil der neue Besitzer ihren Wert nicht erkennt oder sie ihm nicht ins Konzept passen. Für MySQL stünde der Nachfolger Maria DB schon bereit. Für Anwender ist es beruhigend zu wissen, dass Open-Source-Software auch dann unsterblich ist, wenn sie selbst mit dem Sourcecode nichts anzufangen wissen.

Die Open-Source-Community reagiert schnell, wenn ein Produkt in Gefahr ist, das viel versprechend angelegt ist, verbreitet ist und/oder benötigt wird. Sie agiert sogar prophylaktisch. Beispiele sind Adempiere, als das ERP- und CRM-Projekt Compiere ins Schlingern kam, oder Icinga, als es bei Nagios nicht mehr recht weiter ging.

Oracle scheint kein Verständnis für Open-Source-Entwickler- und Anwender-Communities zu haben. Und das könnte für den Softwaregiganten fatal enden. Wenn es dem Unternehmen nicht gelingt, Communities um seine Open-Source-Produkte zu bilden und an sie zu binden, wird es mit diesen Lösungen bald alleine stehen. Communities sind schneller ruiniert als aufgebaut. Ohne sie gibt es die Open-Source-Produkte nicht mehr, wohl aber Forks, Ableitungen von den alten Code-Grundlagen. Daraus muss Oracle kluge Lehren ziehen – nicht die Anwender.

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