Gartner: „Open-Source-Software ist eine strategische Ressource“

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 21.03.2011 | Kommentare: 0

Bis in die Mitte des letzten Jahrzehnts beurteilte das Marktforschungsinstitut Gartner die Verbreitung und die Chancen von Open-Source-Software (OSS) eher zurückhaltend bis skeptisch. Jetzt haben die Analysten ihre Meinung radikal geändert. Laurie Wurster, Forschungsdirektorin bei Gartner, präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage unter 547 IT-Leitern in elf Ländern aus dem Sommer letzten Jahres.

Demnach gibt es anscheinend überhaupt keine Anwenderunternehmen mehr, die sich nicht in ihrer IT-Praxis mit Open-Source-Software befassen. Jede fünfte Firma ist dabei noch recht zurückhaltend und evaluiert in einfachen Projekten und mit Prototypen den Wert von OSS. Fast die Hälfte, nämlich 46 Prozent, verwendet quelloffene Software in einzelnen Firmenabteilungen. 22 Prozent hat OSS durchweg in allen Abteilungen im Einsatz. Elf Prozent sind so weit, Open Source aus strategischen Gründen zu verwenden, nämlich um Wettbewerbsvorteile zu erlangen.

Diese Daten hatte Gartner schon Anfang Februar 2011 bekannt gegeben. Jetzt erklärte Analystin Wurster weitere Befunde der Studie „Survey Analysis: Overview of Preferences and Practices in the Adoption and Usage of Open-Source Software“. Die größte Überraschung war für die Marktforscher, dass nicht mehr in erster Linie Kostenvorteile die Anwender zum Wechsel auf Open-Source-Angebote motivieren. Mehr Befragte, fast ein Drittel, haben lauf Wurster Vorteile wie Flexibilität, höhere Innovation, kürzere Entwicklungszeiten und schnellere Beschaffungsprozesse genannt.

Open-Source-Produkte stellen 29 Prozent des Softwareportfolios der Unternehmen. „Eine dramatische Änderung“, so Gartner, gegenüber der Situation vor fünf Jahren, als es weniger als zehn Prozent waren. Der Anteil der firmenintern entwickelten Programme ist jetzt so hoch wie jener der quelloffenen. Die Analysten vermuten nun eine Parallelität: Die Unternehmen nutzen zunehmend Open-Source-Software für die eigene Softwareentwicklung, was proprietäre Programme weiter verdrängt.

Gleichwohl dominiert in den Firmen Closed-Source-Software. Der Anteil der Unternehmen, bei denen Open-Source-Programme eine Quote von mehr als 25 Prozent am Softwareportfolio ausmacht, beträgt nun 60 Prozent. Die analoge Quote für proprietäre Anwendungen beträgt 79 Prozent. Die bisher sehr schnelle Zunahme von Open-Source-Anwendungen soll aber abflachen, so Gartner. In 18 Monaten sollen es 62 Prozent Firmen mit solch niedrigem OSS-Anteil sein. Um drei Prozentpunkte auf 17 Prozent wächst jedoch noch einmal der Anteil jener Firmen, deren Open-Source-Durchsetzung mit 50 und 74 Prozent des Softwareportfolios schon jetzt außerordentlich hoch ist.

Einen kritischen Aspekt sieht Gartner allerdings im Zusammenhang mit der rasanten Verbreitung von OSS: Nur ein Drittel der IT-Organisation haben sich Regeln für die Nutzung von Open-Source-Software gegeben. Als sinnvolle „Policies“ dafür nennen die Analysten solche für akzeptable Lizenzen, für den Erhalt des geistigen Eigentums, für die Beiträge zu Open-Source-Projekten und für zulässige Softwarelieferanten. Dieses Defizit zu beheben nennt Gartner eine Priorität für IT-Leiter.

„Die Organisationen legen ihre Bedenken gegenüber Open-Source-Software schnell ab“, fasst Gartner zusammen. „Jetzt ist es an der Zeit für sie, formelle Policies zu entwickeln und einzurichten sowie Open-Source-Software als das zu betreiben, was sie ist: eine strategische Ressource.“

Patina-Debatte: Ist Open Source doch kein Sparschwein?

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 18.03.2011 | Kommentare: 1

In den Niederlanden ist es bis ins Parlament zu einer Debatte darüber gekommen, ob Open-Source-Software (OSS) die IT-Kosten reduziert. Auslöser war eine interne Untersuchung des Innenministeriums, wonach die niederländische Zentralregierung durch Verwendung quelloffener Programme jährlich 500.000 bis eine Million Euro einsparen könnte. Das hatte bereits die Regierung als unseriöse Berechnung abgetan.

Es folgte die Zurückweisung der Angaben durch den niederländischen Rechnungshof. Der berechnete, das Einsparpotenzial durch Open Source sei allenfalls gering und es gebe keine belastbaren Belege dazu. Das wollen die niederländischen Grünen im Parlament so nicht stehen lassen. Sie kritisieren, dass der Rechnungshof nur die Client-Kosten kalkulierte. Außerdem betonen sie, selbst ein kleinerer Spareffekt als im Innenministerium berechnet sei der Mühe wert. Mehr Details unter anderem hier.

Die Debatte hat Patina-Anmutung; zumindest sind nicht nur in Open-Source-Kreisen die Kostenvorteile von OSS längst nicht mehr das gewichtigste Argument. Sie sind auch für Anwender nicht mehr das wichtigste Motive, um auf solche Programme umzusteigen. Das hat, wie in diesem Blog berichtet, das Marktforschungsunternehmen Gartner mit Verweis auf eigene Umfrageergebnisse Anfang Februar dieses Jahres dargelegt. Doch ein wichtiges Argument ist es nach Angaben der Analysten immer noch.

Deswegen überraschen wiederholte Debatten über das Thema nicht. Die haben eine Crux: Wirtschaftliche Vorteile lassen sich eigentlich nur für Unternehmen halbwegs verlässlich berechnen. In der öffentlichen Verwaltung sind solche Rechenmodelle bedingt aussagekräftig. Denn ein beträchtlicher Anteil der staatlichen Investitionen ist von gesamtökonomischen Motiven begleitet, siehe die zahlreichen Konjunkturprogramme.

Der Staat und seine Organe greifen mit ihren Ausgaben in die wirtschaftliche Entwicklung ein. Die Vergabebestimmungen sind Formularien, bei denen nicht zwangsläufig der günstigste Anbieter den Zuschlag bekommt. Die öffentlichen Verwaltungen gelten zwar nicht gerade als Vorreiter der Moderne. Aber sie sind zusammen genommen nicht nur in Deutschland der größte IT-Investor. Das bedeutet, sie sind eine Marktgröße. Die Frage ist, was man aus Macht macht und ob man überhaupt Macher sein will.

Die Auseinandersetzung in den Niederlanden ist nur eins von zahllosen Beispielen in Europa, dass IT-Investitionen der öffentlichen Verwaltungen keiner wirtschaftspolitischen Intention folgen. Es gibt keine Orientierung, den Fluss von Steuergeldern in die USA zugunsten der lokalen Wirtschaft umzulenken. Die IT-Anbieter in Europa sind kein Wirtschaftsfaktor wie die Automobilindustrie, der Maschinenbau oder der Energiesektor. Deswegen ist die europäische IT-Industrie nicht im Fokus der Wirtschaftspolitik. Weshalb diese sich auch Argumentationen erlaubt, die eine starke Patina-Anmutung haben oder einfach halbseiden sind.

Viele Apps verletzen Open-Source-Lizenzen

von: Ludger Schmitz (freier Journalist) | am: 10.03.2011 | Kommentare: 0

Apps stellen ihre Entwickler vor ein Problem: Wenn sich die Minianwendungen nur extrem preiswert verkaufen lassen, gleichzeitig aber die Chance gering ist, über Absatzzahlen zu einem rentablen Geschäft zu kommen, muss die Entwicklung der Apps eben schnell vonstattengehen. Da liegt die Versuchung nahe, sich an schon vorhandenen Codezeilen zu bedienen. Was natürlich nur da geht, wo der Code vorliegt, bei Open-Source-Software also. Genau ist offenbar sehr verbreitet.

Der US-amerikanische Open-Source-Provider OpenLogic hat 635 der beliebtesten Apps für Android und iOS in Google’s Adroid Market beziehungsweise Apple’s App Store analysiert. Für einen Vergleich der Software brauchte es nicht mehr als das Tool „OSS Deep Discovery“. Die damit entdeckten Übereinstimmungen prüfte OpenLogic, um sicher zu gehen, dann noch einmal per Hand. In insgesamt 68 Programmen, also bei rund elf Prozent der analysierten Apps, fand sich Code unter einer Open-Source-Lizenz. Dabei handelte es sich 52 Mal um die Apache-Lizenz und 12 Mal um die GNU General Public License GPL.

Beide Lizenzen schreiben Weiterverwertern von Code unter anderem vor, auf die Ursprungslizenz hinzuweisen und den gesamten Quellcode offen verfügbar zu machen. Doch 47 Apps mit Open-Source-Elementen entsprachen diesen Anforderungen nicht. Missachtung der Lizenzbedingungen also in mehr als zwei Drittel der Fälle, 69 Prozent. Es geht sogar noch dreister: Für einige dieser Apps beanspruchten ihre Entwickler für sich trotzdem in vollem Umfang das Copyright.

OpenLogic hat nicht bekannt gegeben, um welche Programme es sich handelt. Aber die Anbieter dieser Apps werden sich nun nicht nur beeilen müssen, ihre Entwicklungen so zu ändern, dass sie den Bedingungen der Open-Source-Lizenzen entsprechen. Andernfalls drohen juristische Folgen. Deren Folge ist üblicherweise, dass Gerichte den ursprünglichen Entwicklern Anrecht auf einen Teil der Einnahmen zusprechen.

Gleichwohl hat die Open-Source-Gemeinde die Gepflogenheit, nur jenen „Copycats“ mit Klagen zu drohen, die sich uneinsichtig zeigen und nicht nachbessern. So nennt Karsten Gerloff, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE) die Raubkopiererei bei Apps „ein ernst zu nehmendes Problem“. Aber er hält es wie OpenLogic auch für möglich, dass es Lizenzverstöße unbeabsichtigt oder aus Nachlässigkeit gegeben hat. Es kommt jetzt also auf die Reaktion der Codekopierer an. Denen droht darüber hinaus eine weitere Strafe: der Ausschluss aus App-Stores.

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